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der Familie, oder einer vorübergehenden Erwerbsgenossenschaft überschreiten ?1)

Diese Motive des Zusammenhaltens der Menschen in einer grösser gewordenen Vereinigung lassen sich nach Ihering zunächst mit den Worten Zwang und Lohn bezeichnen. Erhaltung der Genossenschaft durch Machtmittel und geregelter Austausch von gegenseitigen Leistungen innerhalb derselben sind die ursprünglichsten Staatszwecke. Die ersten geschriebenen Staatsverfassungen enthalten dieselben immer und ausschliesslich. Unsere Fundamentalverträge von 1291 und 1315 und die albanesische Liga unserer Tage, die ihnen sehr ähnlich ist, sind u. A. Beweise dafür.

Der Verkehr im Innern einer Gesellschaft wird durch den Lohn regulirt. Arbeits- und Güteraustausch kann, sobald der Verkehr über den nächsten Familienkreis hinausgeht, nicht bloss auf unentgeltlicher Gefälligkeit beruhen und eben so wenig auf die Dauer durch Zwang realisirt werden. 2) Insoweit beruht auch aller Verkehr auf Egoismus als dem ursprünglichsten << Hebel der sozialen Mechanik » und es handelt sich

1) Die Untersuchungen über den Ursprung der Staaten haben für uns das Interesse nicht mehr, das man ihnen vor 100 Jahren widmete. Wir sehen die Staaten jetzt vor unsern eigenen Augen im Westen von Amerika, in Afrika und Australien entstehen, ohne Contrât social und ohne Monarchie oder Aristokratie als göttliche Institutionen. Wir fragen praktischer, durch welche Motive wird eine solche grösser gewordene menschliche Genossenschaft, die wir anfangen einen Staat zu nennen (sagen wir beispielsweise das, was man jetzt den Congostaat nennt), auf die Dauer und mit freiem Willen der Bevölkerung zusammengehalten werden?

2) Die antiken Staatssysteme beruhten zwar zeitweise darauf, dass ein Theil der Menschheit zur Zwangsarbeit (Sclaverei, Helotenthum) verdammt war, damit der übrige Theil menschenwürdig leben könne. Auch einzelne Staatsmänner und viele

gar nicht darum, denselben mit zunehmender Cultur zu beseitigen und etwa durch ein allgemeines Wohlwollen zu ersetzen, sondern ihn zu organisiren und zu regeln. Die Gasthäuser zivilisirter Völker oder die modernen Beförderungsmittel sind ein sprechendes Beispiel dafür, es wird ihnen Niemand die antike Gastfreundschaft oder die zufällige unentgeltliche Beförderung als System vorziehen. ')

Dieser Egoismus, der den Verkehr erzeugt und unterhält, darf aber nicht schrankenlos walten. Es ist der Irrthum einer bedeutenden Schule von Nationalökonomen und Staatsmännern, der gerade jetzt in unserer Zeit zu schwinden beginnt, anzunehmen, dass die blosse Befreiung des Verkehrs von allen Schranken und die daraus hervorgehende Concurrenz zu seiner Regulirung genüge; vielmehr muss die Gesellschaft auch als Ganzes durch Zwang dem schrankenlosen Egoismus und der Ausbeutung der schwächern durch die stärkern Genossen entgegenarbeiten.

Ohne jeden Zwang besteht keine Gesellschaft und die Gerechtigkeit für Alle steht über der Freiheit des Einzelnen.

Wenn wir eine solche Auseinandersetzung mit einer Bahnlinie vergleichen wollten, so befänden sich hier offenbar mehrere «Weichen », von denen ab die

« christliche » Prediger der amerikanischen Südstaaten bewiesen vor dem Jahre 1864 aus der Bibel, dass wenigstens der farbige Theil der Menschheit zu einer solchen Zwangsarbeit für den weissen verpflichtet sei. Es wird sich in Bälde zeigen, ob nicht der heutige eifrige Colonienerwerb der europäischen Staaten in einzelnen Köpfen ähnliche Ansichten von Neuem erzeugt.

1) Ihering stellt daher den etwas paradoxen, aber im Ganzen richtigen Satz auf: Wer dazu beitrage bisher unentgeltliche Leistungen entgeltlich zu machen, erwerbe sich ein Verdienst um die Menschheit.

Anarchisten, denen der beste Staat «viel Geld und keine Obrigkeit» ist, die Vertreter der blossen << Interessengruppen» oder der «Gesellschaft » an Stelle des Staates und die Vertreter der völligen Gewerbefreiheit und des «laissez faire», andere Wege einschlagen, die sich mit den unsrigen nicht mehr vereinigen.

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Die Organisation des Zwangs ist das Recht. Recht ist nach Ihering das System der durch Zwang gesicherten sozialen Zwecke, oder der Inbegriff der durch Gewalt geschützten Lebensbedingungen der Gesellschaft. Es geht daraus zunächst hervor, dass die Rechtswissenschaft keine absoluten Wahrheiten kennt, sondern stets nur das Zweckmässige aufsucht. Sie hat die Lebensbedingungen der Gesellschaft und jeder concreten Gesellschaft im Auge diese soll sie finden und herstellen. Diese Lebensbedingungen muss das Recht erzwingen und durch Strafen schützen und zwar durch um so höhere, je wesentlicher die gefährdete Lebensbedingung ist. Daraus ergeben sich nun allerdings, zunächst auf dem Gebiete des Privatrechtes, auffallende Consequenzen. Wenn Recht und Zweckmässigkeit wirklich das Gleiche ist, so liegt die weitere Folgerung nahe, dass die jeweilige allgemeine Anschauung von der Zweckmässigkeit, die sich nach Zeiten und Umtänden ändert, die dominirende Norm für das Recht, Staatsrecht wie Privatrecht, sei, das Lebensinteresse der Gesellschaft beschränkt also von vorneherein auch alle Privatrechte. Die Expropriation und dasjenige überhaupt, was man jetzt das jus eminens des Staates nennt, wäre also keine Ausnahme, sondern die Regel und die Auflehnung des Einzelnen gegen die gesellschaftliche Zweckmässigkeit das wahre Unrecht. Logisch weitergehend, kommt man damit zu dem Satze Lasalle's, dass jedes Privatrecht

als mit der stillschweigenden Clausel der Aufhebbarkeit verliehen gedacht werden müsse.

Den gesellschaftlichen Charakter alles Rechts und überhaupt seine Eigenschaft als einer menschlichen, auf Zweckmässigkeit begründeten, Institution ohne jede mystische Zuthat, mehr hervorzuheben, ist eine eminente politische Aufgabe unserer Zeit. Die starre Opposition des Eigensinnes und Egoismus der Einzelnen gegen das Gesammtinteresse muss also sogar im Privatrechte beseitigt und die oft gehörte Behauptung von einer << Heiligkeit » des Eigenthums auf ihr wahres Mass zurückgeführt werden, welches weit unter dem Begriff der Heiligkeit, lediglich auf dem Niveau der wohlverstandenen Zweckmässigkeit steht. Die Frage bleibt nur offen, welches ist diese wohlverstandene, beziehungsweise die wahre Zweckmässigkeit ? Dieselbe zu unterscheiden von blossen Tagesmeinungen, oder vorübergehenden sogenannten « Interessen» von Mehrheiten oder besonders wichtigen Gesellschaftskreisen, das ist Sache des cultivirten Rechtssinnes, oder der politischen Bildung der Völker und an dem Grade dieser « Fernsicht des Interesse's» über das Allernächstliegende hinaus, werden die vorgeschritteneren Völker in unserer Zeit sehr wesentlich zu erkennen sein. Hier, nicht in den Grundanschauungen von der Natur des Rechts, ist der Punkt, wo sich unsere Bahnlinie von der sozialistischen trennt, die das gesammte bestehende Recht auf eine unzweckmässige Weise umzugestalten beabsichtigt, und auf diesem Boden müssen die sozialistischen Theorien bestritten werden.

Dagegen ist leicht ersichtlich, dass auf dem Gebiete des Staats- und Völkerrechts, das Recht der Völker ihre Verfassungen abzuändern, oder vollständig unzweckmässig gewordene Regierungen zu beseitigen,

oder gegenüber andern Völkern ihre Lebensbedingungen aufrecht zu erhalten, mit gutem Grund aus der Natur des Rechtes selber abgeleitet werden kann. 1)

Die Organisation des gesellschaftlichen Zwanges im wohlverstandenen Interesse Aller ist der Staat, der sich dem Auge allerdings zunächst als ein «sozialer Zwangsapparat» darstellt. Die unfruchtbaren Unterscheidungen zwischen Rechts- und Culturstaat, oder zwischen Staat und Gesellschaft fallen von selbst dahin, wenn das Recht das Zweckmässige ist. Mehr als das für Alle Zweckmässige befördern will auch der extravaganteste Culturstaat nicht, weniger darf der Rechtsstaat, oder irgend eine Gesellschaft nicht wollen.

Ebenso verschwindet unter diesem Gesichtspunkte der Zweckmässigkeit die Frage, ob irgend eine andere gesellschaftliche Organisation neben, oder gar über dem Staate stehen könne, wenn dieser selbst die Organisation alles Zweckmässigen ist. Jedoch ist die gehörige Disziplinirung und richtige Selbstbeschränkung einer an und für sich nothwendig absoluten Gewalt die Civilisation, welche den gebildeten Staat von dem rohen unterscheidet.

Die Form des Staates, beziehungsweise die Organisirung der Staatsgewalt, folgt dem gleichen Gesichts

1) Ihering führt hier sehr einleuchtend an, dass im antiken Recht dieser Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Zweckmässigkeit noch besser hervorgetreten sei, indem derjenige, der sein Sonderinteresse über das gesellschaftliche setzen wollte, als Verräther an der Gesellschaft aus derselben ausgestossen (verbannt, friedlos erklärt) werden konnte. Die Gesellschaft anerkannte nur solche Mitglieder, die ihrerseits das gesellschaftliche Interesse anerkennen wollen. Die moderne Gesellschaft stellt sich die schwierigere Aufgabe alle ihre Glieder, auch die widerspenstigen, für das gesellschaftliche Interesse zu diszipliniren und hat daher (bei uns im Jahre 1874) die Verbannung eigener Bürger für unzulässig erklärt.

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