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thätige Weltmacht werden, die in ihrem Innern alle diese kapitalistischen Massnahmen wirksam bekämpft und nach Aussen die wahrhaft humanitären und republikanischen Staatsgedanken in der ganzen Welt, nebst der Friedensidee, unter seinen Schutz nimmt, dann begrüssen wir diese neue Weltmacht, als das imperium eines grossen und freien Volkes.

Wir glauben zwar unsererseits, Amerika habe keine Wahl mehr, es könne nur das Gute und Wahre wählen, oder dann wieder herabsinken von seiner Höhe, auf die es vier tapfere Generationen gestellt haben. Und wir freuen uns, für diese Ansicht auch den Ausspruch seines jetzigen Präsidenten') anführen zu können: «Wenn unsere Bevölkerung abnimmt, oder wenn wir unsere männlichen Eigenschaften verlieren und zu einer Nation von Krämern werden, die den Gewinn über die Ehre stellt und nichts Höheres kennt als Lebensgenuss, dann werden wir noch schlechter daran sein, als die civilisirten Staaten der alten Welt in der Zeit ihres Verfalls.»

Quod Deus bene vertat. Das Schlimmste, was es in dem heutigen Amerika gibt, sind nach unserer Ansicht die grossen Trust's und Eisenbahngesellschaften, überhaupt die Macht des Geldes, die überall bei wachsender Prosperität eines Landes und Mangel an einer natürlichen, gesunden Aristokratie einzutreten pflegt. Dieser Strömung muss eine Gegenströmung entgegensteuern, die auf Einfachheit der Lebensart und wahre Bildung abzielt. Das wahre Amerika, das wir lieben, ist durch den Puritanismus entstanden, und dieser muss sein geistiger Nährvater bleiben. Eine an

1) In seinem Essay über «Civilisation und Verfall.»

dere Richtung des amerikanischen Geistes hat ihr Gutes und ihr weniger Gutes. Professor Münsterberg in Harvard University schildert sie soeben in einem neuen Buche') damit, dass er sagt, alle Persönlichkeiten gälten dem Amerikaner als gleichbedeutend (doch wohl den Geldbesitz ausgenommen ?), das gebe dem Amerikaner das ungezwungene sichere Auftreten, den «Geist der Selbstbehauptung, wie wir ihn jeden Tag bei auf dem Kontinent reisenden Angehörigen dieses Volkes wahrnehmen könnten. Wir sehen ihn auch, machen aber hiezu doch noch die weitere Einschränkung, dass solche selbstbewusste halb. wüchsige Burschen und «American girls» oft nicht zu den angenehmsten Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft gehören, und dass überhaupt diese amerikanische Ungenirtheit, die in jedes Andern Haus wie in sein eigenes eintritt, verbunden mit einem sehr bemerklichen Mangel an tiefgründiger Bildung, der sich sogar mitunter in höheren Stellungen zeigt, nicht zu den Erfordernissen einer Republik, sondern zu ihren, bei einem jungen Volk vielleicht nothwendigen Schattenseiten gehört. Das sind Jugenderscheinungen einer Zeit, die man in Deutschland mit einem sehr derben Worte zu bezeichnen pflegt, und sie dürfen am allerwenigsten von den Deutschen Amerika's gepriesen werden, die im Gegentheil die Aufgabe be. sitzen, die besten Lebensgüter des deutschen Volks, tiefes Gemüth und tiefgründige Bildung, auf diesem naturwüchsigen Neuland zu einer neuen Entfaltung zu bringen.

Welche Stellung Amerika zu der kommenden Machtvertheilung in China, und Ostasien überhaupt, und namentlich zu dem ebenfalls kommenden Konflikt der Han.

*) Münsterberg «Die Amerikaner» Berlin 1904.

delsinteressen zwischen England und Deutschland ein. nehmen wird, ist zur Stunde muthmasslich noch Jedermann, selbst den nächstbetheiligten Personen ungewiss. Wahrscheinlich ist nur, weil dem Stande der Interessen angemessen, dass dann Russland zu Deutschland und Frankreich zu England halten wird. Die Amerikaner werden das «höchste Angebot» berücksichtigen und die neue, siebente oder achte Grossmacht, Japan, wird ihrem Beispiele folgen. Die Versuche Deutschlands, die Amerikaner durch allerlei Freundlichkeitsbezeugungen zu kirren und die Franzosen durch gelegentliche Höflichkeit zu versöhnen, halten wir bei der ganz «realpolitischen», oder besser noch gesagt macchiavellistischen Natur der augen. blicklichen Weltpolitik für ziemlich verfehlt. Das Interesse wird allein entscheiden, und einen grossen, immer mehr gefährlich werdenden Handelskonkurrenten wird England auf keinen Fall auf dem Weltmarkte dulden, während Amerika wohl am liebsten vorläufig beide etwas geschwächt sähe, ähnlich wie es jetzt der Krieg für Russland und Japan mit sich bringt. Dabei ist für Amerika vorläufig nur zu gewinnen und nichts zu verlieren. Auf die Dauer aber wird das englische Westindien und Canada das Schicksal aller übrigen Länder des amerikanischen Kontinents theilen, nämlich direkt, oder indirekt durch Protektorat oder Zollanschluss, unter die Oberherrschaft der Vereinigten Staaten zu fallen. Am Auffallendsten von diesem imperialistischen Gedankenfluge bereits getragen war die Anerkennung und thatsächliche Annexion des neu gebildeten Staates Panamat) und

1) Ueber Panama siehe Neuestes: „Prof. Huberich an der texanischen Universität ,,The trans-isthmian canal, a Study in american diplomatic history 1825–1904“. Der Vertrag mit in Europa, beziehungsweise Kleinasien, die wirksame direkte Einschüchterung der Türkei durch amerikanische Kriegsschiffe zu Gunsten der in Amerika naturalisirten Armenier. Amerika verlangte auch gleichzeitig für seine Gesandtschaft in Konstantinopel, die zum Range einer Botschaft erhoben wurde, die gleiche Rechtsstellung wie die der andern Botschafter von England, Frankreich, Deutschland und Oesterreich, und schien sogar nicht ganz ungeneigt, auf Verlangen der amerikanischen Methodistenkirche, welche in Armenien selbst Missionen besitzt, überhaupt das Protektorat über dieses unaufhörlich misshandelte christliche Land zu übernehmen.

Auch nach Afrika hat sich die amerikanische «starke Hand» bereits erstreckt durch ein sogenanntes «Handelsabkommen» mit A bessinien, das in seinen näheren Bestimmungen nicht bekannt ist, offenbar aber nichts Anderes bedeutet, als ein «erstes Erscheinen Amerika's auch auf dem afrikanischen Boden», wo diese Einmischung in dortige Angelegenheiten sowohl England und Frankreich, die sich dort als die Generalpächter betrachten, wie auch in zweiter Linie Deutschland und Russland, ungenehm sein wird, was aber die Amerikaner wenig anficht. Sie gedenken auch hier, wie in China, selbst als ungebetene und ungern gesehene Gäste, an der allgemeinen Tafel, die sich eröffnet hat, mitzusitzen. Allzu zart darf man nicht sein, wenn man Weltmacht werden will.

Allerdings gehört zu einer solchen Rolle, wie sie Amerika in dem ganzen Bereiche der Weltpolitik zu

der neuen Republik sieht eine ,,Temporäre Regierung" der Vereinigten Staaten über das Gebiet des Kanals vor, die sich wohl zu einer dauernden gestalten wird, bevor der Kanal fertig ist.

spielen anschickt, eine starke Vermehrung und Reorganisation nicht etwa bloss der Flotte, sondern auch der Landarmee, worüber auch bereits ein neues Gesetz vom 14. Februar 1903 besteht, aber auch Opposition dagegen.

Gleichzeitig mit diesen Neuerwerbungen, wie sie wohl ihrem Wesen nach genannt werden können, hat die amerikanische Republik einen alten Streit mit England, beziehungsweise Canada, über die Gränze von Alasca, welches Amerika im Jahre 1867 um bloss 36 Millionen Franken von Russland kaufte (was England nie hätte zugeben sollen, wenn es Canada behalten wollte), durch ein Schiedsgericht gänzlich zu seinen Gunsten erledigt. Da ein Engländer, Lord Alverstone, der entscheidende Präsident desselben war, so war der Ausgang muthmasslich schon vorher vereinbart. Es ist der erste Schritt zur Annexion von Canada, in welchem schon jetzt ein amerikanischer Einwohner auf zwei Engländer kommt, ein Verhältniss, das sich im Nordosten des Landes rasch in sein Gegentheil verwandeln wird. Ebenso ist Neufundland ein solches Annexionsgebiet der Zukunft. Im Innern der Vereinig. ten Staaten ist seit diesem Februar Portorico in ein Ver. hältniss zu den Vereinigten Staaten getreten, das einem «Territorium» gleicht, während in Cuba das amerikanische Protektorat bei scheinbarer Selbstständigkeit der Republik besteht. Die Einwanderungsgesetzgebung ist dahin verschärft worden, dass alle Einwanderer in die Vereing. ten Staaten, selbst wenn sie Bahnbillete für das Innere haben, oder Verwandte sie erwarten, am Ausschiffungshafen mindestens 10 Dollars Geldbesitz ausweisen müssen.

Für alle diese Fragen bildet nun die bevorstehende Präsidentenwahl einen gewissen Fingerzeig, ob eine Retardirung oder eine Beschleunigung der Imperial Politik

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