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Spencer, der noch im Dezember 1903 im Alter von 83 Jahren dahin ging, wo er nun Gott, den er hier vergeblich suchte, gefunden haben mag, und der Expräsident von Transvaal, Paul Krüger, der auf unserem Boden, in Clarens, im Exil, der Heimat der Besten, starb. Spencer hat in seinem zehnbändigen Lebenswerk «System der synthetischen Philosophie» das Beste geliefert, wozu der «Agnostizismus», dessen gründlichster Vertreter er war, überhaupt fähig ist. Er ist das lehrreichste Beispiel eines edeln Ethikers, der den ganz richtigen Weg und daher auch die volle innere Befriedigung nicht fand, wie auch eines der grössten Beispiele gegen die Presseund ihre massgebende Bedeutung in der Welt.

Es gab sicherlich eine Unmasse gebildeter und eifriger Zeitungsleser, die kaum seinen Namen kannten, jedenfalls aber nie etwas über seine Werke in einer Zeitung gefunden hatten, und doch war er der beste Philosoph unserer Zeit und wirksamer, als alle andern zusammen genommen. Mit etwas mehr akademischer Bildung, die ihm als einem «selfmademan» abging, und etwas weniger englischer Isolirtheit hätte er der legitime Nachfolger Kant's werden können, nach welchem die Welt noch sucht. Wie er zu dem unfruchtbaren Agnostizismus kam, in dem kein Segen und Gedeihen liegt, ergibt sich zum Theil aus einer nach seinem Tode erschienenen Selbstbiographie. Er genoss eine dürftige Bildung, lernte z. B. weder Geschichte noch Litteratur und bloss die Anfangsgründe von Latein und Griechisch. Die Abneigung gegen alle positive Religion entstand bei ihm aus den englischen kirchlichen Verhältnissen, die sie vielleicht in uns Allenerzeugen würden. Er sagt darüber selber, etwas wehmüthig, wie es uns vorkommt:

<<Grossentheils, wo nicht hauptsächlich, ist diese Veränderung in meiner Stimmung gegenüber religiösen Glaubensbekenntnissen und ihren sie tragenden Institutionen entstanden aus der sich vertiefenden Ueberzeugung, dass die von jenen besetzte Sphäre niemals eine ausgefüllte Sphäre werden kann, sondern dass die grossen Fragen über uns selbst und unsere Umgebung immer von neuem sich erheben müssen, und dies, wenn nicht positive Antworten folgen, muss stets fortdauern. So bin ich dazu gekommen, religiöse Glaubensbekenntnisse, welche auf die eine oder andere Art jene Sphäre ausfüllen, die die vernünftige Erklärung vergeblich auszufüllen sucht und um so vergeblicher, je mehr sie darnach sucht, mit einer Sympathie zu betrachten, die auf Gemeinsamkeit der Bedürfnisse beruht; im Gefühl, dass die abweichende Meinung sich aus der Unfähigkeit ergibt, die dargebotene Lösung anzunehmen, vereint jedoch mit dem Wunsch, dass Lösungen gefunden werden möchten. >>

Es ist ein Mangel an religiöser Erfahrung, vielleicht auch an Sinn für das mystische Element in der Religion, das ihm, als geborenem Mathematiker, der Täuschung verdächtig war, was aus diesen Worten spricht, und als befriedigende Lebensanschauung ist demnach seine Philosophie nicht brauchbar. Aber im Einzelnen wird Jeder, der sie liest, die zahlreichsten weisen und grossartigen Anschauungen finden, die in irgend einem modernen Buche zu finden sind.

Bekanntlich war Spencer auch einer der wenigen Engländer, die öffentlich das Recht der Boeren gegen England vertraten, deren Regent nun auch, und glücklicherweise im Exil, gestorben ist. Denn seinen Frieden mit England zu machen, wie der Präsident Stejin'), oder

') Bei Stejin suspendiren wir noch unser Urtheil; seine Rückkehr mit Erlaubniss der englischen Regierung lässt noch eine bessere Erklärung zu, als Ermüdung und feige Ergebung.

in St. Louis «Circusboer» zu werden, wie sein ehemaliger Konkurrent in der Popularität, Cronje, und Ben Viljoen, dazu war Paul Krüger nicht der Mann; dieses Schicksal hätten wir bei ihm am schwersten beklagt. Einem Interview eines Amerikaners, das noch kurze Zeit vor dem Tode des alten Löwen stattfand, entnehmen wir folgende Stellen:

<<Der amerikanische Interviewer frug: «Denken Sie nicht nach Afrika zurückzukehren?» Er schüttelte traurig mit dem Kopfe: «Nein, nicht jetzt. Manchmal habe ich es mir gewünscht, seitdem ich nach Europa kam, aber man hat es nicht gut für mich gefunden. Ich konnte ja im Kriege nichts nützen. Ich war zu alt, um mit den Kommandos zu gehen, wie Präsident Stejin, und man dachte, ich könnte hier mehr ausrichten. Ich weiss aber nicht, was ich fertig gebracht habe. Alle meine Bemühungen um ein Schiedsgericht waren umsonst und jetzt hat mein Volk Frieden schliessen müssen. Was soll ich da heimkehren? Alles ist geändert, und das Land ist nicht mehr frei. So will ich meine Tage in diesem gastfreundlichen Lande enden.» Als der Interviewer erwähnte, wie er doch überall von den Völkern so warm aufgenommen wurde, sagte er: «Ja, sie haben mir viel Blumen gespendet und zahlreiche Adressen an mich gerichtet. Sie haben es gut gemeint, und ich weiss ihre Freundlichkeit zu schätzen. Aber ich bin nicht nach Europa gekommen, um den Löwen der Saison zu spielen. Ich kam, um die Selbständigkeit meines Volkes zu retten. Vielleicht haben wir ja Unrecht gethan, als wir zum Kriege schritten. Aber jeder klar denkende Mensch muss sehen, dass wir dazu getrieben worden sind. Die Zeit wird zwischen uns richten. Alles kommt zum richtigen Ende. Muthlos bin ich nicht. Als ein christlicher Mann muss ich immer denken, dass es Gottes Weg und Wille ist. Gott hat sein Volk in der Vergangenheit geschützt, er wird es weiter schützen. Nie geschah eine Ungerechtigkeit auf unserer Seite. Wir können frei vor

unserem

Gott erscheinen. Während des Krieges haben unsere Feinde sich über uns lustig gemacht, weil wir zu Gott in unseren Nöthen riefen. Das ist eine Blasphemie gegen Gott, die er nicht ungestraft lassen wird. Der Herr hat uns gezüchtigt, aber er wird nicht dulden, dass unsere Feinde ihn lästern!»

Gott sei gepriesen, dass er unbesiegt und ohne zu capituliren starb, «to rest in a golden grove, or bask in a summer sky. Give him his wages of going on and never to die».

Der Boerenkrieg ist noch nicht zu Ende, das ist stets festzuhalten; sonst müsste man überhaupt den Glauben an die Gerechtigkeit auf Erden aufgeben. Davon sind wir aber weit entfernt. Die Times selbst, Paul Krüger's lebenslange Feindin, musste an seinem Sarge sagen, nachdem sie zuerst alle seine Unverträglichkeiten mit ihrer «englischen» Weltordnung aufgezählt hatte, Alles in Allem genommen, sei er aber doch ein Mann gewesen. Das zieht auch heute noch und beweist, dass der Idealismus, selbst in dieser boerisch-rauhen Form, doch besser ist als die feinste «Realpolitik», und muthmasslich auch eine längere Dauer in der Welt haben wird.

Noch kurze Zeit vor dem Tode dieses Treuen wurden, nach englischen Berichten, die allerletzten Gefangenen aus dem Boerenkrieg, 334 Transvaaler und 158 Freistaatler, aus Indien in ihre ehemalige Heimat, «now our colonies», zurückgeführt, nachdem sie auf Zureden Delarey's, welcher zu ihnen gereist war, dem englischen König Eduard VII. Treue und der Republik abgeschworen hatten. Bloss zwei Knaben und zwei «men of weak intellect» schworen beharrlich nicht und wurden am Ende trotzdem mitgenommen, und zwei «Cap-Rebellen» wurden

ihrer Regierung, d. h. nun dem berühmten Einbrecher Dr. Jameson, ausgeliefert.

Wir denken unsererseits, diese vier Jungen oder Einfachen, die sich durch keine Sophismen über die Natur der ihnen zugemutheten Handlung hinwegtäuschen liessen, seien im Recht gewesen, und auf solchen Leuten beruhe die Hoffnung einer kräftigen Wiedererhebung der gemordeten Republiken. Friedrich von Gentz schreibt einmal in sein Tagebuch, zur Zeit des Wiener-Kongresses, er sei <gewissermassen teuflisch erfreut, dass doch alle sogenannten grossen Sachen in der Welt ein klägliches Ende nehmen». Gut gesagt von Einem, der selbst ein Renegat der Freiheit war, und leider zunächst wahr. Aber eben nur von dem stets kurzsichtigen «teuflischen» Gesichtspunkte aus betrachtet. Denn dieses Ende, das der Teufel allein sieht, ist eben nicht das Ende der grossen Sachen, so wenig als es s. Z. der Charfreitag, das grösste Beispiel dieser Art, war.

Das wird sich auch hier noch zeigen. Einstweilen, bis jene zwei Knaben, die nicht schworen, Männer geworden sind, Paul Krüger, lebe wohl!

Das sind die Todten, mit denen Reelles verloren gegangen ist, weil sie nicht bloss für sich «sich ausgelebt» haben, oder nur für ihre Familien-, oder Gruppeninteressen Sinn und Verständniss hatten.

Sie werden ihren Lohn gefunden haben. Was jetzt nöthig ist, ist, dass die Lebendigen - ohne Rücksicht auf Konfession oder Partei sich besser zusammen

finden.

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