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and Gutachten schöpfen musste, dass die neueren Zustände und Rechtsquellen in weit innigerem Zusammenhange mit den älteren Zuständen und Rechtsquellen stehen, als dies im Allgemeinen gewürdigt zu werden scheint; es geschah aber auch aus besonderer Rücksicht auf die Zuhörer in meinen staatsrechtlichen Vorlesungen, indem bei den eigenthümlichen Verhältnissen unserer Universität, nicht von allen vorausgesetzt werden kann, dass sie, wie es sehr wünschenswerth wäre, vorher schon einen vollständigen Cursus der deutschen Staatsund Rechtsgeschichte gemacht haben; endlich musste auch hierzu die Rücksicht auf die Praktiker bestimmen, welche dieses Buch gebrauchen und vielfach den Wunsch ausgesprochen haben, jene älteren staatsrechtlichen Verhältnisse, welche zum Verständnisse des praktischen Rechts unentbehrlich sind, und bäufig sogar noch selbst praktischen Einfluss äussern, wenigstens in den Grundzügen und mit den nothwendigen Verweisungen anf die ältere Literatur, dem Werke beigegeben zu finden.

III. Eine grosse Erweiterung hat insbesondere auch die Darstellung der deutschen Bundesverfassung erhalten. Da dem Verfasser durch besondere Vergünstigung hochgestellter Personen die Möglichkeit gewährt worden ist, auch die amtliche (Folio-) Ausgabe der Protokolle der Bundesversammlung von der Zeit ihrer Wiederherstellung an bis zum Beginne des Druckes (November 1854), so wie auch die für das gegenwärtig geltende Bundesrecht so wichtigen Protokolle der Dresdener Conferenzen zu benutzen, was bisher noch keinem publicistischen Schriftsteller vergönnt gewesen ist, und da überdies das Jahr 1854 eine besondere Bedeutung für die Bundesgesetzgebung durch das Zustandekommen der revidirten Geschäftsordnung der Bundesversammlung und mehrerer anderer Bundesbeschlüsse von bleibender Bedeutung erhalten hat, so konnte das Bundesrecht auf seinem neuesten Standpunkte dargestellt werden. Durch die Art der Benutzung dieser, sowie mancher anderen, bis jetzt noch nicht allgemein zugänglichen Quellen glaubt der Verfasser seinem Werke zum Theil den Charakter

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eines Quellenwerkes verschafft zu haben. Der aufmerksame Leser wird überdies in diesem Buche mannigfache Nachrichten und Aufschlüsse über bisher unbekannte oder nicht gehörig aufgeklärte staatsrechtliche Verhältnisse finden, welche nur durch persönliche Erkundigungen an den betreffenden Orten und Stellen zu erlangen waren, und dem Verfasser mit der dankenswerthesten Zuvorkommenheit mitgetheilt worden sind.

IV. Ganz neu zugesetzt ist in diesem ersten Bande auch der zehnte Abschnitt, welcher von den seit dem Jahre 1848 beabsichtigten Veränderungen der Bundesverfassung handelt. Auch die Darstellung dieses Zeitabschnittes durfte nicht unterlassen werden; denn wenn schon die verschiedenen, in den letzten Jabren beabsichtigten Veränderungen nicht in der Art und Weise, wie sie im Plane lagen, ins Leben getreten sind, so sind doch auch diese bewegten Jahre keinesweges spurlos an der Nation vorübergegangen, und gar manche Erscheinung der Gegenwart hat in denselben ihre Wurzel, oder findet darin ihre Erklärung. Ich glaube auch bei der Darstellung dieser, zwar kurzen, aber inhaltschweren Periode, welche je nach dem Partheistandpunkte zu sehr verschiedener Auffassung Gelegenheit gibt, dem Grundsatze der rein objektiven Behandlung, dessen Beobachtung ich mir bei der Bearbeitung des gesammten Werkes zur Pflicht gemacht habe, nicht untreu geworden zu sein. Die Kritiken der verschiedenen Veränderungsvorschläge, welche unvermeidlich waren, wenn aus der schweren Vergangenheit Nutzen und Belehrung für die Zukunft gezogen werden soll was zu vermitteln die Sache der Wissenschaft ist gelten überall nur der Sache, nicht den Personen.

Uebrigens sind diese Kritiken nicht etwa erst jetzt, nachdem die Bundesverfassung in der Hauptsache wieder in das alte Geleise zurückgebracht worden ist, von mir verfasst worden. Ich habe meine Ansichten nicht nur schon während des Laufes der Bewegungen bei mehreren Gelegenheiten in besonderen Druckschriften dargelegt, auf welche ich bei dieser Ausgabe verweisen konnte, sondern ich habe diese Kritiken

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in derselben Zeit und seitdem stets in meinen Vorlesungen ausgesprochen, und im Wesentlichen meinen Zuhörern in besonderen Druckbogen zur vorläufigen Ergänzung der dritten Auflage meines Lehrbuches mitgetheilt.

V. Endlich ist auch eine wesentliche und durchgreifende Veränderung mit der Systematik des Buches vorgenommen worden. Es handelte sich vor allem darum, das deutsche Bundesrecht, und zwar nicht blos jenes, welches sich auf den Bund als Gesammtheit bezieht, sondern auch dasjenige, welches als eine Schöpfung des Bundes in das Staatsrecht der einzelnen Bundesstaaten eingreift, mit dem allgemeinen Staatsrechte in einen organischen Zusammenhang zu bringen, damit nicht fernerhin das Bundesrecht, so, wie es bisher in den Lehrbüchern des deutschen Staatsrechts mehr oder minder der Fall war, wie ein zusammenhangsloser Anhang des deutschen Staatsrechts erscheine. In wiefern es gelungen ist, diesen Uebelstand zu beseitigen, wird sich besonders nach dem Erscheinen des zweiten Bandes, mit dessen Druck unmittelbar fortgefahren wird, beurtheilen lassen. Sodann wurde überhaupt die möglichste Einfachheit der Systematik angestrebt, und daber alle Eintheilung nach Theilen und Büchern in mehrfachen Gliederungen unterlassen, dagegen aber der Stoff einfach in Abschnitte zerlegt, welche in möglichst natürlicher Reihenfolge zusammengestellt wurden.

VI. Die vollständige Umarbeitung des bisherigen Werkes, namentlich die Aufnahme so vieler positivrechtlichen Materien, wonach das Buch selbst wohl als ein neues Werk bezeichnet werden darf, machte auch eine theilweise Veränderung, d. h. Erweiterung des Titels nöthig, und wird es rechtfertigen, dass dasselbe nunmehr nicht blos als „Grundsätze des allgemeinen, sondern zugleich als „Grundsätze des deutschen Staatsrechts“ bezeichnet worden ist. Wenn dagegen die Erwähnung des constitutionell-monarchischen Staatsrechts aus dem Titel hinweggelassen worden ist, so ist dies nur der Vereinfachung desselben wegen geschehen, und hat nicht den Sinn, als wenn in dieser Umarbeitung etwa das constitutionell

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monarchische Staatsrecht ausgeschieden und bei Seite gelassen worden wäre. Es erschien vielmehr als überflüssig, diesen Bestandtheil noch besonders zu erwähnen, nachdem die Bezeichnung deutsches Staatsrecht“ aufgenommen worden war, indem die weitaus grössere Mehrzahl der deutschen Staaten constitutionelle Monarchien sind, und also selbstverständlich die in ihnen geltenden Verfassungsgrundsätze hier zum Vortrage kommen müssen.

Der schon im Vorworte zur ersten Auflage ausgesprochene Grundgedanke, das in Deutschland gemeingiltige Staatsrecht, sowie es ist und wirklich gilt, darzustellen, ist auch bei dieser Umarbeitung unabänderlicch festgehalten worden.

Heidelberg, 1. Januar 1855.

Heinrich Zoepfl.

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Vom Staate, von der Staatswissenschaft und dem Staatsrecht

überhaupt.

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§. 1. Begriff des Staates.

2. Geschichtliche Entwickelung des Staatsbegriffes. - 3. Der historische Staat und die Staatsidee.

4. Die Staatsideale.
5. Rechtlicher Charakter des Staates.
6. Verhältniss des Staates zu den Individuen.
7. Verhältniss des Staates zur Familie.
8. Verhältniss des Staates zu anderen Gemeinwesen.

9. Verhältniss des Staates zur bürgerlichen Gesellschaft.
- 10. Verhältniss des Staates zu dem sog. Naturstande.
- 11. Die Völkerschaft als wahrer Naturstand.

12. Das Wesen der Völkerschaft oder die Nationalität. - 13. Das Nationalitätsprincip und seine geschichtliche Beschränkung. Na

türliche und politische Nationalität.
14. Verhältniss der Völkerschaft zum Staate.
- 15. Factoren des Staates.
· 16. Staatswissenschaft (Politik); deren Begriff und Eintheilung.

17. Verhältniss von Recht und Politik.
18. Begriff und Eintheilung des öffentlichen Rechts.

19. Begriff des Staatsrechts.
• 20. Allgemeiner Charakter des Staatsrechts; sein Verhältniss zum Privat-

rechte.
- 21. Eintheilung des Staatsrechts; allgemeines und besonderes; inneres

und äusseres Staatsrecht; Verfassungs- und Verwaltungsrecht.
Literatur des allgemeinen Staatsrechts.

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