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Die natürliche Grenze der Nordsee und der Ostsee ist verhältnismäßig erst spät zur politischen Nordgrenze des Deutschen Bundes und damit für später des Deutschen Reiches geworden.

Das Herzogtum Bremen mit der Hauptstadt Stade war mit Verden durch den Westfälischen Frieden an Schweden gelangt, von den Dänen im nordischen Krieg 1712 besetzt und 1715 an Hannover durch Verkauf abgetreten worden, wozu Schweden durch den Hamburger Vergleich von 1729 seine Zustimmung erteilte. Don 1803-1806 befand es sich in französischer Gewalt, kam dann auf kurze Zeit an Preußen, bildete später einen Teil des Königreichs Westfalen, bis es 1813 an Hannover zurückgegeben wurde.

Neu-Vorpommern oder Schwedisch-Pommern, links der Peene, gehörte auch noch während der Zeit des Rheinbundes zu Schweden, wenn es auch bis zu dieser Zeit einen Teil des Deutschen Reiches bildete und erst durch Gustav Adolf IV. von Schweden 1807 als vom Deutschen Reiche getrennt und mit Schweden unmittelbar verbunden erklärt wurde. Nach dem Sturze Napoleons I. wurde Neu-Vorpommern mit der Insel Rügen von den Schweden gegen Norwegen an Dänemark abgetreten, das das Gebiet seinerseits an Preußen überließ.')

Lauenburg fiel bei diesen in Wien am 4. und 7. Juni 1815 abgeschlossenen Verträgen an Dänemark.

Ein gewisser Rest von Fremdherrschaft auf deutschem Boden bestand in den Pfandrechten, die Schweden an die mecklenburgische Stadt Wismar besaß. Im Jahre 1903 lief die hundertjährige frist ab, auf die Wismar von Schweden an Mecklenburg verpfändet worden war. Wenn es nun auch nie einem Zweifel unterlegen hatte, daß von einer Einlösung der Pfandsumme und Rückgabe Wismars an Schweden nicht die Rede sein konnte, so waren doch die Würde und Deutschfreundlichkeit anerkennenswert, mit der im Jahre 1903 der König und die Regierung von Schweden die endgültige Abtretung von Wismar an das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin vollzogen.2)

1) Wortlaut des Vertrages vom 4. Juni 1815 zwischen Dänemark und Preußen bei Miruß I, 1 S. 429 und des Vertrages vom 7. Juni 1815 zwischen Preußen und Schweden in den Akten des Wiener Kongresses IX. Band S. 275 ff.

für die Anerkennung des Besitzes von Norwegen mußte Schweden nicht nur Pommern an Dänemark (Preußen), sondern auch Finnland an Rußland abtreten. Wegen der Abtretung eines Teiles Lauenburgs an Hannover vgl. finalakte des Wiener Kongreffes Artikel 29.

2) Vgl. „Alldeutsche Blätter“ Nr. 21 vom 23. Mai 1903 S. 196.

Es ist eine vielumstrittene Frage, ob die ähnlichen alten Pfandrechte der Krone Böhmen an der sächsischen Lausit noch fortbestehen. In keinem Falle kann dieses Pfandrecht wirksam werden, schon mit Hinblick auf den Artikel 1 der deutschen Verfassung.

Die Insel Helgoland hatte seit dem 14. Jahrhundert den Herzögen von Schleswig-Holstein-Gottorp gehört, bis sie in dem Kampfe der königlichen Linie gegen die herzogliche 1714 von den Dänen belagert und erobert ward.

Im Jahre 1808 bemächtigten sich ihrer die Engländer und wurden im Frieden 1814 in ihrem Besihe bestätigt.

In überraschender Weise gelangte Helgoland an das Deutsche Reich durch den Zansibarvertrag zwischen Deutschland und Großbritannien vom 1. Juli 1890.1)

In diesem Vertrage wurde im Artikel 12 folgendes bestimmt:

„Dorbehältlich der Zustimmung des britischen Parlaments wird die Souve ränität über die Insel Helgoland nebst deren Zubehörungen von Ihrer britischen Majestät an Seine Majestät den deutschen Kaiser abgetreten."

Die Punkte 2-7 des Artikels 12 enthalten Bestimmungen über die Rechtsverhältnisse der Helgoländer und über spezielle Verhältnisse, Uebergangsbestim= mungen u. dal.

Wir haben an dieser Stelle nicht zu erörtern, daß und in welcher Weise die Opfer für den Erwerb von Helgoland in Zansibar und in Ostafrika viel zu großze waren, auch nicht die staatsrechtliche Ungeheuerlichkeit zu prüfen, wonach dieser Vertrag nur von der Zustimmung des britischen Parlaments, nicht aber von derjenigen des deutschen Reichstags abhängig gemacht wurde.

Jedenfalls haben wir uns des Erwerbes von Helgoland zu freuen vom Standpunkte der Sicherung unserer nördlichen Reichsgrenze aus, wenn auch die Insel Helgoland dem Untergange durch die fluten der Nordsee geweiht zu sein scheint und die beträchtlichen Aufwendungen für die Befestigungen der Insel vielleicht überflüssig sind.

Wenn auch für die Erwerbung der Insel Helgoland durch den deutschen Kaiser, ganz besonders aber für die Gegenleistungen hierfür, die Mitwirkung des deutschen Reichstages nicht als erforderlich erachtet wurde, so bedurfte es doch für die Aufnahme der Erwerbung der Mitwirkung aller Faktoren der Reichsgesetzgebung. Auf diesem Wege kam das Reichsgesetz vom 15. Dezember 1890, betreffend die Vereinigung

1) Jm Wortlaut abgedruckt in englischer und deutscher Sprache im „Deutschen Kolonialblatt" Jahrgang 1890 S. 120 ff.

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von Helgoland mit dem Deutschen Reiche (R.-Ges.-Bl. 1890 S. 207) zustande, das wir in seinem ganzen Wortlaut hierunter zum Abdruc bringen, da es in allen seinen Bestimmungen belangreich ist für die Gesichtspunkte, die bei neuen Erwerbungen für das Reich in Betracht kommen und vielleicht auch in Zukunft in Betracht kommen werden. Es lautet:

§1. Die Insel Helgoland nebst Zubehörungen tritt dem Bundesgebiete hinzu. Das Reich erteilt seine Zustimmung dazu, daß die Insel dem preußischen Staate einverleibt wird.

§ 2. Mit dem Tage der Einverleibung in den preußischen Staat tritt die Verfassung des Deutschen Reiches, mit Ausnahme des Abschnitts VI über das Zoll- und Handelswesen, auf der Insel in Geltung. Zu den Ausgaben des Reichs trägt Preußen für das Gebiet der Insel durch Zahlung eines Aversums nach Maßgabe des Artikels 38 Absatz 3 der Reichsverfassung bei.

§ 3. Die von der Insel herstammenden Personen und ihre vor dem 11. August 1890 geborenen Kinder sind von der Wehrpflicht befreit.

§ 4. Das Wahlgesetz für den deutschen Reichstag tritt mit dem in § 2 bezeichneten Tage gleichfalls auf der Insel in Kraft. Durch Beschluß des Bundesrats wird die Insel einem Wahlkreise zugeteilt.

§ 5. Durch kaiserliche Verordnung unter Zustimmung des Bundesrats wird festgestellt, inwieweit die Vorschriften in den §§ 2, 3, 4, 7, 8 des Gesetzes, betreffend die Reichskriegshäfen, vom 19. Juni 1883 (R.-Ges.-Bl. S. 105) für die Insel und ihre Gewässer zur Anwendung gelangen.

§ 6. für die übrigen, vor dem im § 2 bezeichneten Tage erlassenen Reichsgesetze wird der Zeitpunkt, mit welchem dieselben ganz oder teilweise in Kraft treten, durch kaiserliche Verordnung unter Zustimmung des Bundesrats fest= gesetzt.

Insoweit die Schonung der auf der Insel bestehenden Gesetze und Gewohnheiten es erheischt, können auf dem im Absatz 1 bezeichneten Wege an Stelle einzelner Vorschriften der einzuführenden Reichsgesetze Uebergangsbestimmungen erlassen werden. Die Geltung solcher Bestimmungen erstreckt sich nicht über den 31. Dezember 1893.

§ 7. Dieses Gesetz tritt mit der Verkündung in Kraft.

Die Insel Helgoland mit Zubehörungen wurde dann durch preußisches Gesetz vom 18. februar 1891 (Ges.-S. 1891 S. 11) mit der preußischen Monarchie vereinigt und in bezug auf die staatliche Verwaltung dem Kreise Süderdithmarschen, Provinz Schleswig-Holstein, zugeteilt.

IV. Die Öftgrenze.

S

Pie Ostgrenze des deutschen Siedelungsgebietes ist fast niemals mit der politischen Ostgrenze des Deutschen Reiches oder deffen Zubehörungen zusammengefallen. Das Besiedelungsgebiet des deutschen Volkes ragte regelmäßig in die benachbarten slawischen Staatsgebiete hinein, wie wir im zweiten Hefte dieses Bandes nachgewiesen zu haben glauben. Die am weitesten nach Osten vorgeschobene staatliche Grenze Deutschlands fällt zusammen mit der Østgrenze der Gebiete des Deutschen Ordens. Daß dieses Ordensland, und zwar nicht nur Preußen, sondern auch Ehstland, Livland, Kurland mit Semgallen und vorübergehend auch Samogitien, Zubehörungen des Deutschen Reiches gewesen sind, kann wohl nicht bestritten werden, wenn auch gerade diese Dinge immer im fluß waren, insofern als die Gebiete des Deutschen Ordens vorübergehend unter fremder Botmäßigkeit gestanden haben, und zwar im wesentlichen polnischer, aber auch schwedischer und russischer. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts haben sich die Dinge dann derart weiterentwickelt, daß nach vorübergehenden Schwankungen das heutige Østpreußen und Westpreußen sich immer enger politisch an das deutsche Heimatland anschlossen, während die heute zu Rußland gehörigen baltischen Gebiete des deutschen Ordens sich immer mehr und mehr der heimischen politischen Einflußnahme entfremdeten und nur in bezug auf Glaubensbekenntnis und Kultur bis auf den heutigen Tag als deutsche Zubehörungen angesprochen werden können.')

Die fortgesetzten Schwankungen der Ostgrenze des Deutschtums hingen später zusammen mit der unaufhörlichen, zunächst bis zum 17. Jahrhundert aufsteigenden und dann abfallenden Entwickelung Polens.2)

1) Vergleiche die außerordentlich lehrreiche Karte der Entwickelung der Ge biete des Deutschen Ordens auf Blatt 71 des historischen Handatlaffes von G. Droysen. 2) Uebersichtliche Darstellung der Entwickelung Polens, vergleiche Blatt 75c des Historischen Handatlasses von Droysen.

Unter diesen Umständen ist es außerordentlich schwer, mit den politischen Forderungen der Gegenwart für die Östgrenze des Deutschen Reiches an geschichtliche Tatsachen anzuknüpfen. Es bleibt hier nichts übrig, als die Erörterungen über die Zweckmäßigkeit unserer Østgrenze nach den zwei Gesichtspunkten zu gliedern, ob es nützlich erscheint, an der durch den Wiener Kongreß von 1815 erhaltenen staatlichen Østgrenze Preußens, die dann durch die Ereignisse von 1867 und 1871 zur Østgrenze des Deutschen Reiches geworden ist, festzuhalten oder hinter sie zurückzuweichen, angesichts des Umstandes, daß sich diesseits dieser Grenze ein nicht unbeträchtlicher Teil des heutigen polnischen Siedelungsgebietes findet, oder den Versuch zu machen, diese Grenze weiter ostwärts vorzuschieben, angesichts der Tatsache, daß jenseits dieser Grenze Millionen von deutschen Volksgenossen gesiedelt sind und weite Gebiete frühere Zubehörungen des Deutschen Reiches, seiner Gliederstaaten und seiner Zubehörungen gewesen sind.

Es braucht auch hier an dieser Stelle kaum darauf hingewiesen zu werden, daß es sich dabei niemals um spontane Handlungen drehen kann, sondern daß diese westlichen oder östlichen Verschiebungen das Ergebnis großer europäischer Auseinandersetzungen sein müssen und werden. Aber auch hier empfiehlt es sich, derartigen Möglichfeiten, die jeden Tag eintreten können, nicht unvorbereitet gegenüber zustehen. Bei diesen Erörterungen kommen selbstverständlich nicht nur die Bezugnahmen auf das Vorhandensein älterer oder jetziger deutscher Siedelungen, mithin das Vorhandensein deutschen Blutes, die Reste früherer deutscher Herrschaftsausübung, die Einflüsse deutscher Kultur auf fremdem Volksboden, sondern namentlich auch militärische Erwägungen in Betracht, die wir aber im Rahmen unserer Deutschen Politik nur in beschränktestem Maße anstellen können.

In höchstem Grade belangreich ist es, daß das deutsche Siedelungsgebiet fast an keinem einzigen Punkte an das Siedelungsgebiet des russischen Volkes grenzt. Aus dieser einfachen Tatsache kann und muß man mit aller Entschiedenheit die Voraussage ableiten, daß die heutigen Grenzen des Deutschen Reiches und des Russischen Reiches nicht für alle Ewigkeiten dauernde sein werden. Wie wir im Westen ein Zwischenland zwischen Deutschland und Frankreich kennen lernten, deffen allmähliche Aufteilung zwischen Deutschland und Frankreich den wesentlichen Inhalt des westlichen politischen Schauplatzes bildet, so haben wir auch im Osten ein Zwischenland zwischen dem Deutschtum und dem Ruffentum, das heute durch die Siedelungsgebiete der Polen, der finn=

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