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orte selbst oder unterwegs mit Tanzen belustigt. Ueberhaupt lässt sich kaum ein Land finden, wo man eine bequemere Religion und lustigere Andachten hat als in Baiern etc.“

Erstickt waren also die geistigen Regungen, welchen wir unter Max Joseph begegnet sind und diesem Gebahren der bigotten Parthei hatte es allerdings Baiern zu danken, dass es das einzige katholische Land war, in welchem nicht, wie es um diese Zeit in Würzburg und den geistlichen Churfürstenthümern der Fall war, die Aufklärung sich an den Tag wagte.

Aber es geschah darum in Baiern das Schlimmere. Weiter hatte man es dort doch nicht gebracht, als dass man der Aufklärung ein offenes Auftreten unmöglich gemacht hatte, eingedrungen war sie doch auch in Baiern und das war eben das Schlimmere, dass die, welche ihr zufielen, sich, weil sie sich nicht offen hervorwagten, in einem geheimen Orden zusammenfanden, in dem Illuminatenorden.

Mit Recht nennt es Jarke in seinem Aufsatz über den Illuminatismus *) eine nothwendige Erscheinung, die sich in allen Perioden der Geschichte aller Völker wiederhole, dass in demselben Masse, in welchem irgendwo eine wissenschaftliche, kirchliche oder politische Ueberzeugung im äusseren Leben nicht nur nicht anerkannt, sondern verfolgt und unterdrückt wird, dieselbe sich ins Geheimniss zurückziehe. Gleich schlimm war es, dass, da in Baiern alle lichtere Erkenntniss so gewaltsam zurückgehalten worden war, Viele von dem neuen Licht der Aufklärung geblendet wurden und einfach vom Aberglauben, den man ihnen hatte aufdrängen wollen, in den Unglauben umschlugen.

Es hat mit diesem Illuminatenorden eine eigene Bewandniss. Man kennt seinen Zweck und seine Tendenz, aber darnach darf man die einzelnen Illuminaten nicht beurtheilen. Der Plan, wie er in dem Kopf Weishaupts, des Professors des canonischen Rechts in Ingolstadt, ausgeheckt worden war, ging geradezu dahin, Christenthum und christliche Sitte vollständig zu verdrängen, zugleich auch alle Fürstengewalt aufzuheben. Gleich sehr also gegen Kirche wie gegen Staat war er errichtet. „Weishaupt war überzeugt, dass jede Religion Betrug sei und der tiefe consequente Hass gegen die christliche war die eigentlich leuchtende Idee seines ganzen Unternehmens.“ Für diesen Hass wollen wir zwar seine geistlichen Collegen in Ingolstadt nicht verantwortlich machen, aber Thatsache ist es, dass im Kampf mit jenen Dunkelmännern dieser Hass in ihm entstand. Von dem Hass gegen die Religion war dann nur ein Sprung zu dem gegen die staatlichen Ordnungen, und darum wurde als der politische Hauptzweck des Ordens ,die Vernichtung aller bisherigen Gewalt und Abhängigkeit unter den Menschen, ja die Verwischung alles Unterschiedes der Nationen und die Rückkehr in den erträumten, ursprünglichen Stand der Natur angegeben.“ Um diesen Plan zu verwirklichen stiftete Weishaupt im Jahr 1776 den Orden, und nahm sich den Jesuitenorden zum Vorbild. Von diesem nahm er an, dass er durch seine Verfassung und Einrichtungen zu seiner grossen Herrschaft gelangt sei, ihm wollte er mit den gleichen Mitteln eine andere geheime antichristliche Gesellschaft entgegensetzen. Diese sollte dann, geleitet von ihren Oberen, die Revolution in Staat und Kirche vollziehen, das heisst die Kirche aufheben und den Staat in eine Republik umwandeln. Diese Revolution sollte aber nicht mit gewaltsamen Mitteln vollzogen werden, sondern von Innen heraus sollte sie sich vollziehen, dadurch, dass allmählig der Boden schwand, in dem die Kirche und der alte Staat bisher wurzelte.

*) Vermischte Schriften. Bd. II, München 1839.

Mit der Herstellung einer solchen Gesellschaft ging es also, das sah Weishaupt wohl ein, langsam her. Sein Plan war nun der, alle Männer, welche ihm mit den bestehenden Zuständen überworfen schienen, in den Orden herein zu ziehen, diese sollten dann wieder andere herbeiziehen. So sollte die Masse derer immer grösser werden, welche abgelöst wären von dem bisherigen Glauben, der bisherigen Gesinnung und den bisherigen Anschauungen des Volks. Mittlerweile sollte dann dahin getrachtet werden, dass die Stellen und Aemter in Staat und Kirche in die Hände von Mitgliedern des Ordens gelangten, damit diese die Dinge in ihrem Sinne leiten könnten, alle Macht aber sollte in den Oberen des Ordens gipfeln, welchen alle Mitglieder des Ordens zu strengem

Gehorsam verpflichtet wären. Eine wohldisciplinirte unter dem unbedingten Befehl der Oberen stehende Armee sollte entstehen.

Ein solcher Plan brachte es mit Nothwendigkeit mit sich, dass nur sehr Wenige in die eigentlichen Tendenzen des Ordens eingeweiht werden durften, denn die Wenigsten, das wusste Weishaupt wohl, standen schon auf dem Standpunkt, auf dem sie ein solches Geheimniss hätten vertragen können, auch wäre es gefährlich gewesen, einer grösseren Menge ein solches Geheimniss anzuvertrauen. Endlich hätte man sich damit eines grossen Reizmittels begeben, welches darin lag, dass man den Aufzunehmenden grosse Geheimnisse vorspiegelte, in die sie allmählig eingeweiht werden sollten.

Verschiedene Ordensgrade wurden also errichtet, in denen man in kürzerer oder längerer Zeit von den niederen Graden zu den höheren sollte aufrücken können.

Diese Grade waren für den Orden von der grössten Bedeutung. Man konnte da dem Einzelnen so viel mittheilen als er zu tragen vermochte, und konnte ihn stufenweise für den eigentlichen Endzweck des Ordens heranbilden. Wie man da verfuhr, ersieht man sehr anschaulich aus einem Brief, den der Hannoversche Freiherr von Knigge, ein Mann, der um die Ausbreitung des Ordens äusserst bemüht war, an einen der höheren Ordensbrüder schrieb, indem er ihm die Anfertigung zweier neuen Ordensgrade berichtete. „Es hat, schreibt er, jetzt die Betrügerei der Pfaffen fast alle Menschen gegen die christliche Religion aufgebracht, aber zu eben der Zeit reisst wieder, wie es sehr gewöhnlich unter den Menschen ist, die immer an Etwas sich hängen wollen, die ärgste Schwärmerei ein. Um nun auf beide Klassen von Menschen zu wirken und sie zu vereinigen, muss man eine Erklärung der christlichen Religion erfinden, die den Schwärmer zur Vernunft bringt und den Freigeist bewegt, nicht das Kind mit dem Bad auszuschütten, dies zum Geheimniss der Freimauerei machen und auf unsere Zwecke verwenden. Von einer anderen Seite haben wir es mit den Fürsten zu thun. Indess der Despotismus derselben täglich steigt, reisst zugleich allgemeiner Freiheitsgeist aller Orten ein. Also auch diese beiden Extreme müssen vereinigt werden. Wir sagen also: Jesus hat keine neue Religion einführen, sondern nur die natürliche Religion und die Vernunft in ihre alten Rechte einsetzen wollen. Dabei wollte er die Menschen in ein grösseres, allgemeines Band vereinigen und indem er die Menschen durch Ausbreitung einer weisen Moral, Aufklärung und Bekämpfung aller Vorurtheile fähig machen wollte, sich selbst zu regieren, so war der geheime Sinn seiner Lehre: allgemeine Freiheit und Gleichheit unter den Menschen wieder ohne alle Revolution einzuführen. Es lassen sich alle Stellen der Bibel darauf anwenden und erklären, und dadurch hört aller Zank unter den Secten auf, wenn Jeder einen vernünftigen Sinn in der Lehre Jesu findet (es sei nun wahr oder nicht). Weil aber diese einfache Religion nachher entweiht wurde, so wurden diese Lehren durch die disciplinam arcani und endlich durch die Freimauerei auf- und fortgepflanzt, und alle freimaurerischen Hieroglyphen lassen sich auf diesen Zweck erklären . . Da nun hier die Leute sehen, dass wir die einzigen ächten, wahren Christen sind, so dürfen wir dagegen ein Wort mehr gegen Pfaffen und Fürsten reden... In den höheren Mysterien sollte man dann diese piam fraudem entdecken und aus allen Schriften den Ursprung aller religiösen Lügen und deren Zusammenhang entwickeln.“

Das Mitgetheilte genügt, um zu beweisen, dass man sich unter den Illuminaten nicht lauter Leute vorzustellen hat, welche wollten, was Weishaupt wollte, man wird vielmehr annehmen dürfen, dass die Wenigsten in den eigentlichen und letzten Zweck des Ordens eingeweiht waren, die weitaus meiste Beute gewann Weishaupt aus denen, welche, von dem bigotten Treiben der Geistlichen abgestossen, der Aufklärung in ihren verschiedenen Schattirungen zugethan waren.

Nur so lässt es sich erklären, dass man auch Männer wie den Freiherrn von Dalberg zu den Illuminaten zählen konnte. Je mehr in einem Lande das Licht verpönt war, desto mehr Anziehungskraft übte auf die, welche für das Licht empfänglich waren, ein Bund von Männern, die sich gegenseitig geistig fördern wollten.

Darum war auch Baiern das Land, von dem der Orden ausging und in dem er seinen Hauptsitz hatte: denn in Baiern wurde das Licht am meisten darniedergehalten. Darum hat überhaupt der Orden seine meiste Verbreitung in dem katholischen Deutschland gefunden und kann Jarke mit Recht behaupten, dass der Illuminaten-Orden hauptsächlich und wesentlich nur für das südliche und katholische Deutschland von Wichtigkeit gewesen sei, denn in dem protestantischen Deutschland liess die Staatsgewalt der Aufklärung eher Schutz und Aufmunterung zu Theil werden, da bedurfte es darum auch keines Ordens, in dem man im Geheimen der Aufklärung nachgehen könnte. Zwar hat sich, vor allem durch den Freiherrn von Knigge, der Orden auch in das nördliche und protestantische Deutschland ausgedehnt, aber das verdankt er mehr nur der Gewandtheit seiner Leiter, die viel Redens machten von den wichtigen Geheimnissen, in deren Besitz der Orden sei, ein wirkliches Bedürfniss, das er hätte befriedigen können, lag im protestantischen Deutschland nicht vor. Das geht deutlich aus der naiven Klage Knigges hervor, dass es so schwer sei, Personen anzuwerben, denen man nachher nichts weiter zu sagen habe, als was auch im gewöhnlichen Leben schon von allen Dächern gepredigt werde.

Das Mitgetheilte wird ausreichen, um uns über die Zustände zu orientiren, welche zu der Zeit vorlagen, als mit dem neunzehnten Jahrhundert die grossen Katastrophen über die katholische Kirche hereinbrachen.

Wir finden in der Kirche eine alte und eine neue Richtung vor und beide liegen im Kampf mit einander. Der neuen Richtung sind alle Gebildeten, von den Erzbischöfen angefangen, zugethan, die Masse des Volks aber ist wenig davon erreicht worden: dieses, der niedere Clerus und vor allem die Exjesuiten halten an der alten Richtung fest. Die neue Richtung, vom Geist der Zeit ergriffen, will Reformen, im Cultus, im kirchlichen Leben, in der Schule. Sie will Abstellung der kirchlichen Missbräuche, sie ist eine Gegnerin des Aberglaubens. Die alte Richtung hält mit Zähigkeit fest an allem, was vorliegt und steift sich zur Abwehr der neuen Richtung auf Pflege des Aberglaubens und Bigotismus.

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