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keiten ein Document mit, das uns seinen Schrecken über dasselbe erklärt. Es ist ein Votum über die vorzunehmenden Reformen: denn zu Vorschlägen waren in dem Ausschreiben die Stadt- und Landdecane, wie die Ordensvorsteher aufgefordert worden*).

Die Vorschläge gingen dahin: die Zahl der Geistlichen solle verringert und nur Seelsorger sollten zum Cölibat verpflichtet werden; die Domherrn aber, die Vicare und Beneficiaten sollten entweder bei den niederen Weihen bleiben oder die, welche Diaconate und Subdiaconate übernähmen, sollten nicht zum Cölibat verpflichtet sein und in den weltlichen Stand znrückkehren kön

Weder Mönche noch Nonnen sollten ewige Gelübde ablegen, sondern nur für bestimmte und kurze Zeit. Alle Mönche sollten entweder Schule halten oder die Kranken pflegen; sie sollten keine Almosen sammeln und bevor sie nicht hinlängliche Einkünfte besässen, keine Klöster bauen dürfen; in den Klöstern sollten nur wenige Priester sein, damit die Zahl der Messen verringert werde und die Pfarrer und Seelsorger sollten nicht zum Beten des Breviers, sondern nur zur Lesung der heiligen Schrift und anderen geistlichen Exercitien nach Zeit und Umständen verpflichtet sein. Das Brevier für Stifter und Klöster sollte besser abgefasst und von verdächtigen Legenden gereinigt werden. -- Die Messe und der ganze Gottesdienst solle in der Landessprache gehalten werden, in den Kirchen solle nur Ein Altar sein und solle nur Eine Messe auf einmal gelesen werden; die Geistlichen, die zur Kirche gehören, sollten an der Communion Theil nehmen, den Laien solle der Kelch gestattet werden; nur Priester über 30 Jahre alt sollten Beichte hören dürfen, um Indulgenzen solle man sich an die Bischöfe und nicht nach Rom wenden. Aus den Calendern seien gewisse Heilige zu streichen, die nie existirt haben; auf den Altären sollen nur Crucifixe stehen, in den Kirchen keine angekleideten Statuen, vor den heiligen Bildern solle kein Licht brennen, man solle keine für wunderthätig ausgegebenen Heiligenbilder dulden. Alle geistlichen Brüderschaften sollen uniformirt werden; weder Abends noch Nachts sollen kirchliche Feierlichkeiten Statt finden. Das Verbot der Bibellesung solle aufgehoben werden, die Stolagebühren sollen abgeschafft werden.

nen.

*, Nach Brück (die rationalistischen Bestrebungen im kath, Deutschland, Mainz 1865) p. 126 ist das erwähnte Gutachten das des Vicariats. Die Vota in Kopp: die kathol. Kirche im neunzehnten Jahrhundert und die zeitgemässe Umgestaltung ihrer äussern Verfassung. Mainz 1830. p. 57.

Hier stossen wir in dem einen Fall, bei Errichtung der Universität Bonn, auf eine rationalistische Richtung; in dem anderen Fall, in dem Ausschreiben einer Diocesansynode in Mainz, auf die Neigung zu weitgreifenden Reformen in Cultus und Disciplin, dass man zweifeln kann, ob sie noch den gut katholischen Boden unter den Füssen hatte.

Stehen die Bestrebungen dieser Art in einem inneren beabsichtigten Zusammenhang mit der in der Emser Punctation angestrebten Reform der Kirchenverfassung, so läge dem Febronianismus, zu dem sich die Erzbischöfe bekannten, geradezu Rationalismus und unkatholische Gesinnung zu Grunde und müsste man annehmen, dass ein versteckter Rationalismus zur Aufstellung der Grundsätze getrieben hätte, welche wir im Febronius vorfinden. Dem ist aber nicht so. Im Febronius ist noch kein rationalisirendes Element. Die Neigungen und Ansichten, denen wir oben begegnet sind, haben einen anderen Ursprung, den wir im folgenden Capitel aufzeigen werden. Sie können in Verbindung zu dem Febronianismus treten, und im vorliegenden Fall ist es, wenn auch nur vorübergehend, geschehen, aber sie sind es nicht, welche den Febronianismus erzeugt haben und zum Febronianismus haben jene Erzbischöfe nicht gegriffen, um damit die Bahn für Verbesserungen in Cultus und Disciplin zu brechen.

Der Febronianismus war ihnen allerdings Mittel zum Zweck, aber der Zweck war die freiere Stellung Rom gegenüber.

Wir haben unsere Geschichte mit Febronius, dem Nuntiaturstreit und der Emser Punctation eröffnet, weil diese Erscheinungen in dieser Zeit in den Vordergrund der Geschichte treten. Wir dürfen aber nicht länger zögern, uns mit der Lage der Kirche im allgemeinen und mit den inneren Zuständen derselben bekannt zu machen.

II.

Die inneren Zustände der katholischen Kirche Deutschlands.

A. Allgemeines.

Der Jesuitismus und die Aufklärung.

Bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinein war in Deutschland das kirchliche Leben, so wie die Schule, durch die Jesuiten beherrscht.

Die Aufgabe, welche die Jesuiten sich stellten, als sie ihren Lauf begannen, ist bekannt. Den Protestantismus wollten sie erdrücken und neue Anhänglichkeit an die katholische Kirche erzeugen.

Ihre Aufgabe war eine schwere: denn der Protestantismus war für die katholische Kirche eine furchtbare Macht geworden. Die geistliche Nahrung, die er bot, hatte die tieferen Gemüther angezogen, der Sinn war geweckt für einen Glauben, von dem man sich Rechenschaft geben konnte, der Sinn aber für mechanischen Gottesdienst und unverstandene Andacht war verloren gegangen. Auf dem Wege des Forschens und der freien Prüfung war der Protestantismus zu seinem Glauben gelangt. Der Geist war über dieser Arbeit frei geworden und dieser freie Geist erging sich jetzt fröhlichen Muthes auch in Wissenschaft und Kunst.

Dass alles das, was die protestantische Kirche da bot, in der katholischen fehlte, das hatte den grossen Abfall von ihr erzeugt, und es gehörte viel Muth dazu, diesen Zug zur protestantischen Kirche aufzuhalten, ja ihn in einen Zug zur katholischen Kirche zu verwandeln.

Die Jesuiten hatten diesen Muth, und die Anstrengungen, die sie machten, hatten nur zu guten Erfolg.

Es gelang ihnen wirklich, einen neuen Eifer für die katholische Kirche zu wecken und dem Volk den katholischen Glauben wieder lieb zu machen. Es gelang ihnen auch, dem Protestantismus die Palme der Wissenschaftlichkeit streitig zu machen.

In der katholischen Kirche aber waren sie jetzt die Tonangebenden.

In Bälde waren sie die Inhaber der katholischen Schulen und Lehrstühle auf den Universitäten, der Beichtstühle und der Kanzel und ihre Auffassung der katholischen Frömmigkeit war die herrschende.

Fragen wir nach den Mitteln, mit denen ihnen das gelang, 80 stossen wir auf die bedenkliche Seite des Jesuitismus. Ihre Mittel entnahmen sie zum geringsten Theil einem mächtig erregten Glauben, von dem sie getragen gewesen wären, ihre Mittel waren die der Klugheit, der Schlauheit, der Berechnung. Mehr die Schwächen und Leidenschaften der Menschen machten sie sich zu Nutze, um für die Kirche zu gewinnen, als dass sie an das Gewissen und den sittlichen Ernst appellirt hätten. Unbedingte Unterwerfung unter die Satzungen der Kirche wollten sie freilich, aber an einer äusserlichen liessen sie sich genügen, auf tiefe religiöse Ueberzeugung und Ergriffenheit wirkten sie nicht hin, den innersten Menschen nahmen sie nicht in Anspruch und das Joch, das sie auflegten, machten sie so leicht als möglich. Ja sie wollten, dass es den Einzelnen zum Bewustsein komme, wie ihr Joch so viel leichter und bequemer sei als das der Protestanten.

Der Protestantismus hat eigentlich nur Ein Mittel, mit dem er wirkt und wirken will, das ist die Anrufung und Weckung des Gewissens, der Jesuitismus hat der Mittel viele. Im Gottesdienst speculirte er auf die Sinnlichkeit der Menschen und zog diese an durch schöne, die Sinne und Phantasie reizende Formen; in der Predigt redete er die Sprache des Volks, dachte er sich in dessen Gedankenkreis und dessen Anschauung hinein, unterhielt er dasselbe und erhielt es wohl auch durch drastische Darstellung in Spannung; im Beichtstuhl richtete er sich genau nach der Will

fährigkeit und Sinnesweise des Einzelnen und war er je nach den Umständen streng und lax.

Wie nicht an tieferer innerer Religiosität, so hatte der Jesuitismus auch kein Jnteresse an der Wissenschaft und Kunst, aber er nützte beides zu seinen Zwecken. Er pflegte die Kunst, um der Sinnlichkeit zu fröhnen im Schmuck und im Bau der Kirchen. Er pflegte die Wissenschaft, um es dem Protestantismus gleich oder besser zuvor zu thun, aber seine Hingabe an die Wissenschaft war eine absichtsvolle und interessirte, keine aus Liebe zu ihr und wahrem Interesse hervorgegangene. Er nahm sich eifrig des Unterrichts an, des niederen und des höheren, ja er bemächtigte sich desselben fast ausschliesslich, aber es geschah theils aus Rivalität mit dem Protestantismus, theils um die Jugend prägen zu können. Man hat die Leistungen der Jesuiten besonders im Schulunterricht viel gerühmt und sie leisteten in der That Vieles, aber auf Beibringung von Fertigkeiten verlegten sie sich, nicht auf Bildung des Geistes. „Es fehlte der jesuitischen Erziehung, sagt Schmidt*), das Element der Freiheit, das Recht der Individualität.“ Ehrgeiz aber war das Hauptmotiv, durch dessen Wirkung sie an der Jugend ihre Resultate zu erzielen suchten.

Zwei hundert Jahre waren verflossen, seit die Jesuiten ihre Thätigkeit begonnen hatten, ein Zeitraum, lang genug, um dem ganzen katholischen Volk die Signatur des Jesuitismus aufzuprägen: denn das ist wirklich geschehen. Der Katholicismus, den wir von da an, wo die Wirksamkeit der Jesuiten Früchte trug, vorfinden, ist nicht einfach der Katholicismus, den wir im Mittelalter bis an die Reformation hinein vorfinden, es ist ein durch den Jesuitismus gefärbter Katholicismus. Seine Merkmale sind: starrer Autoritätsglaube, Neigung zu bequemer, nicht in das Innere reichender, Frömmigkeit, Vorliebe für sinnliche Formen des Gottesdienstes, Scheu vor einer Bildung, die zu selbstständigem Denken anregt. Es ist ein Katholicismus, dem man es ansieht, dass er im Gegensatz gegen den Protestantismus sich gebildet hat.

*) Carl Schmidt's Geschichte der Pädagogik in der christl. Zeit. Neu bearbeitet von Richard Lange. 2. ed. 1870 der Katholicismus und die jesuitische Erziehung, p. 207—244.

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