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Concordia res parvae crescunt,

discordia maximae dilabuntur,

V OR WORT.
0 .

Patriam prodere nefas; scelus contra,

quum possis, nolle illustrare.

Unseren Zeitgenossen ist der Faden des Verständnisses für die politische Bedeutung Oesterreichs in der letzten Epoche des deutschen Reichsbestandes vollständig abhanden gekommen. Hieraus erklärt sich zum Theil jenes weitverbreitete Missbehagen, welches, Hand in Hand mit der lebhaften Empfindung überkommener Uebelstände, dem Oesterreicher wie dem Reichsländer das klare politische Urtheil erschwert. So erklärt sich des Ersteren geringer Sinn für die einstige Grösse der Weltmacht Oesterreich, sein Mangel an Vaterlandsliebe und des Reichsländers geringer Widerwille gegen politische Bestrebungen, deren Consequenzen sich gegen den Bestand jener altbewährten, opfermuthigen Länder gerichtet haben, welche, durch die pragmatische Sanction des letzten Habsburgers auf deren Nachfolger übertragen, in ihrer Zusammengehörigkeit bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts ein Bollwerk der Cultur und der Freiheit Europa's waren.

Eine der ehrenvollsten Epochen der österreichischen Geschichte ist die Zeit des Reichszerfalles, das letzte Decennium des vergangenen, das erste des gegenwärtigen Jahrhunderts. Das Bild dieser uns so nahe liegenden Vergangenheit mit allen ihren Fehlern und Mängeln, aber auch in all' ihrer Würde und Grösse im Gedächtniss der Zeitgenossen und Nachkommen zu erhalten, ist, wie der Zweck meiner früheren Arbeiten, so auch der dieses grossen

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diplomatischen Quellenwerkes über jene Epoche, die man das Revolutions - Zeitalter nennt, und in der sich thatsächlich die Freiheit Europa's unter die Fahnen Oesterreichs geflüchtet hatte.

Schon aus den oben angedeuteten Erwägungen darf die Herausgabe des österreichischen Crkundenmaterials, nach den vorangegangenen französischen, deutschen und russischen Publicationen über denselben Zeitraum, ganz abgesehen von dessen wissenschaftlichem Werthe, als ein politisches Bedürfniss für die Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie betrachtet werden. Durch die Veröffentlichung der österreichischen Geschichtsquellen aus der Zeit der französischen Revolutionskriege, deren erster Band hier vorliegt, scheint mir diesem Bedürfniss in jeder Weise gedient.

In diesem Quellenwerk finden sich die Grundprincipien der österreichischen Politik unter der Leitung jener bedeutenden Staatsmänner verzeichnet, denen die Durchführung der politischen Ziele Oesterreichs im letzten Decennium des vergangenen Jahrhunderts anvertraut war.

Die gewaltige Zeit, in welcher das letzte deutsche Reichsoberhaupt freier Wahl, Kaiser Franz II., für die Unverletzlichkeit europäischer Friedensschlüsse, für Religion und bürgerliche Ordnung, für Erhaltung des alten Reichsverbandes, für die Unabhängigkeit der europäischen Staatenfamilie, für grosse Principien und Traditionen einen zwanzigjährigen Kampf standhaft durchgeführt hat: diese an denkwürdigen Ereignissen überreiche Geschichtsperiode, die in ihren erschütternden Folgen bis in unsere Zeit hereinragt, verdiente es in jedem Anbetracht, endlich in unverfälschten Quellen urkundlich zur Darstellung gebracht, und diese Darstellung als Gemeingut der Weltliteratur überliefert zu werden.

Die Quellen ihrer Geschichte werden für die Reinheit der politischen Absichten der österreichischen Vergangenheit Zeugenschaft ablegen.

Die politische Action Oesterreichs gegenüber der französischen Revolution begann erst im Jahre 1790, nach Schlichtung der österreichisch-türkisch-preussischen Zwistigkeiten. Noch im Jahre 1789, beim Ausbruch der Revolution, war die kaiserliche Politik ausschliesslich mit der Beendigung des türkischen Krieges

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und mit der Bewältigung der Unruhen beschäftigt, welche die wohlmeinenden Neuerungen Joseph's II. in allen Provinzen der österreichischen Monarchie hervorgerufen hatten.

Auf die französischen Angelegenheiten, die der Staatskanzler Fürst Kaunitz - Rietberg mit wachsamen Blicken verfolgte, beziehen sich nur wenige Andeutungen in seinen Rescripten. Eine chiffrirte Depesche des Fürsten an den Grafen Mercy lautet: „Dero beobachtetes Betragen, sowie die Rathschläge, welche Dieselben „dem König und der Königin bisher ertheilt haben, verdienen allen „möglichen Beifall; sie sind nach der höchsten Klugheit ab- und , der gewaltsamen Lage der Umstände auf das Vollkommenste an„gemessen. Ein wahres Unglück würde es sein, wenn E. Exc. ,, unmöglich werden sollte, sich in einer solchen Situation fortan „zu erhalten, welche wenigstens eine geheime schriftliche Com„munication zwischen der Königin und Denenselben offen lässt, „um solchergestalt Höchstdenenselben ohne Unterbrechung mit „Rath und That beistehen zu können. Da in dem gegenwärtigen Moment Alles hierauf ankömmt, so bin ich zum Voraus über„zeugt, dass E. Exc. auch alles Menschenmögliche anwenden werden, um in einer ununterbrochenen Correspondenz mit der „Königin zu bleiben.“*) – In einem anderen Erlasse des Fürsten heisst es: „Dero bei den noch immer fortdauernden höchst be,,denklichen Umständen einzuschlagendes Benehmen und besonders der Entschluss, sich noch fortan in Dero Landgut auf- und vom , Hofe entfernt zu halten, verdienen allen Beifall. Dero weiteres „Betragen durch irgend einige bestimmte Weisungen von hier aus „zu leiten, ist bei der ausserordentlichen Veränderlichkeit der dortigen Ereignisse ganz unmöglich.“ **) -- Man sieht, dass diese Haltung einer vollständigen, auch nach Aussen nicht zu bezweifelnden Passivität gleichkam.

Der natürliche Ausgangspunkt für die hier gesammelten Geschichtsquellen war somit auch ein gegebener. Sie beginnen mit dem Tode Kaiser Joseph's II. und sollen nach dem von mir gefassten Plane ihre Begrenzung mit dem Jahre 1801, das ist mit dem Lunéviller Frieden finden, in welchem die im Jahre 1795

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רן

*) An den Grafen Mercy d'Argenteau, kaiserl. Botschafter in Paris, d. d. Wien, 3. August 1789.

**) An Mercy, d. d. Wien, 3. November 1789.

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zu Basel eingeleitete Reichszersetzung ihre erzwungene reichsoberhauptliche Anerkennung fand.

Der hier vorliegende erste Band umfasst die ganze Regierungsperiode Kaiser Leopold's II., das ist die den Revolutionskrieg einleitende Periode, welche mit dem Thronwechsel in Oesterreich und der französischen Kriegserklärung „an den König von Ungarn und Böhmen“ schliesst. In den folgenden Bänden sehen wir den zum römischen König in Frankfurt erwählten und gekrönten deutschen Kaiser Franz II., als Nachfolger seines Vaters, in den grossen Krieg gestürzt, dessen unglücklicher Ausgang Oesterreich aus seiner Machtstellung im Reiche verdrängen sollte, und dessen erschütternde Nachwirkungen unsere Zeitgenossen zu erleben berufen sind.

Die Materialien zu diesem umfassenden Werke fanden sich in den grossen kaiserlichen Archiven, vor Allem im k. k. geheimen Haus-, Hof- und Staats - Archiv in Wien vor. Ein eilfjähriges Durchforschen der Quellen hat sie in dieser Weise zusammengetragen.

Was das bei Herausgabe dieser Publication eingehaltene System betrifft, so hatte ich die Wahl zwischen der chronologischen und der Ordnung nach Materien oder Expeditionen. Ich habe mich für die erstere entschieden, abgesehen von einigen Beilagen, die nicht gut von der ihnen angewiesenen Stelle zu versetzen waren. Jeder Band wird ein eigenes Register, ein doppeltes Inhaltsverzeichniss, chronologisch und nach Materien geordnet, besitzen, um Gelehrten, Staatsmännern und Diplomaten den Gebrauch dieses Werkes als eines ,diplomatischen Handbuches zu erleichtern.

Bei einem so umfassenden Quellen - Material war die Frage der Classificirung desselben eine sehr schwierige. Es galt vor Allem, aus nach Tausenden zählenden Actenstücken, unter Ausscheidung des bereits Bekannten, eine richtige Auswahl zwischen Werthvollem und Werthlosem zu treffen, - ganz abgesehen von der ersten mühevollen Sichtung eines in vielen Hunderten von Fascikeln in den grossen Wiener Archiven zerstreut liegenden Materials.

Ich verfehlte nicht zu erkennen, wie überaus wählerisch ich bei Sichtung der zahllosen Documente, die mir vorlagen, zu Werke gehen musste, wollte ich den mir vorschwebenden doppelten Zweck der Anregung und Belehrung erreichen. Ob es mir gelungen ist, den richtigen Mittelweg zu treffen, vermag ich nicht

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