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Um einen so erwünschlichen Zweck zu erreichen, findet man mehrere Hindernisse zu übersteigen, von denen die einen aus der Schwierigkeit des Gegenstandes selbst entspringen, und die anderen aus der besonderen Beschaffenheit unseres Vaterlandes herrübren. Dort ein Hirtenvolk, das zerstreut auf hohen Bergen lebt, hielt die Redlichkeit für Gesetz, und setzte seine reinen und einfachen Sitten an die Stelle der Gesetzbücher, deren Bedürfniss es schwerlich füblte. Hier ergaben sich in mehr oder minder volkreiche Städte versammelte Einwohner der Handlung: und mitten in der Verwicklung der daraus entspringenden Verhältnisse, der verscbiedenen Modifikationen, welche das Eigenthum dadurch erhält, mussten sie sich eine weit grössere Anzahl von Vorschriften und Gesetzen einer ganz anderen Ordnung wünschen. Anderswo endlich, war der Ackerbau die einzige Hülfsquelle der Nation, und das Grundeigenthum der einzige Gegenstand ihrer Sorge; je kostbarer es durch eine angestrengte Arbeit wurde, desto wichtiger wurde es, dass das Gesetz dasselbe unter seine Obhut nehme; daher die häufigen Vorsichtsma-sregeln; daher die in der Folge weitschweifig und kostspielig gewordenen Formen, sei es durch die Gewinnsucht der Geschäftsmänner, oder durch die Verschlagenheit der Patrizier, welche hier ein neues Mittel fanden, das Volk unter ihrem herrschaftlichen Joche zu behalten.

Heut zu Tage, wo so viele verschiedene Sitten, Gebräuche, Gesetze, einem einzigen und allgemeinen Gesetze den Platz einräumen; wo so viele verschiedenartige Theile in eine einzige Republik zusammenschmolzen; und wo durch eine Wohlthat des Himmels Menschen, die sich nicht kann. ten, nun ein Volk von Brüdern ausmachen ; was ist nun hier für eine Aufgabe aufzulösen? Einen Mittelweg zu finden, der bei den Einen die ungeheuren Missbräuche der geheimen Ränke verbanne, und bei den Andern dem gänzlichen Mangel, oder der Unvollkommenheit der Gesetze abbelfe; der die Einen von einer unerträglich gewordenen Last befreie, ohne die Andern durch Formen, die ibnen immer zu verwickelt scheinen werden, zu erschrecken. Mit einem Wort, man muss einem Theil Helvetiens verständlich machen, dass es nicht Freiheit sei, seinen Nachbar quälen und ruiniren zu können, indem man mehrere Jahre durch mit ihm um das Eigenthum eines Baumes oder eines Grabens trölt; und jenem anderen Theil, dass es nicht Freiheit sei, sich gezwungen zu seben, seine Ehre oder sein Glück dem Eigensinne eines Richters zu unterwerfen, den man nicht einmal der Ungerechtigkeit überweisen kann. Denn wie soll man dazu gelangen, in der Unmöglichkeit seinen Ausspruch mit einem Prozesse zu vergleichen, von dem keine Spur mehr übrig bleibt, weil er nicht schriftlich abgefasst wurde.

Ohne sich schmeicheln zu dürfen, dass es ihr ganz gelungen sei, wird euch, Bürger Repräsentanten, eure Kommission sagen, was sie gethan hat, um sich diesem wichtigen Zwecke zu nähern

Die Grundlage ihres Entwurfes beruht auf der den Parteien frei gelassenen Wahl, die Prozesse mündlich oder schriftlich zu führen (SS 63 und 69). Hierdurch wird jeder Gebrauch respektirt; hierdurch kann jene Gegend, welche keinen anderen Rechtsgang kannte, als eine einfache mundliche Verfechtung, diese Weise beibehalten, und diese andere, wo der Prozess immer geschrieben werdea musste, wird das andere Alternativ annehmen. Allein es war darum zu thun, wenigstens zum Theil den grossen Schwierigkeiten vorzubeugen, die, wie wir bewiesen haben, aus dem gänzlichen Mangel von Schriften entspringen, welche die Thatsachen festsetzen, die Aechtheit der Beweise bezeugen, und den Zustand der Frage genau bestimmen. Diesem wollten wir abhelfen, indem wir begehren, dass die Parteien sich gegenseitig zwei Kundmachungen auswechseln, und dass sie sich hin wieder ihre Aktenstücke vor der Erscheinung vor dem Richter mittheilen. Durch diese beiden kun:Imachungen, von denen die eine, von Seite des Klägers, ausser der Vorladung, die Mittei und die Schlüsse des Begehrens enthält, die andere, von dem Antworter ausgestellt, die kurzgefassten Gründe seiner Vertheidigung begreitt, erhält man wenigstens den Vortheil mit Genauigkeit bestimmen zu können, was der eine anspricht und der andere verweigert; man erbält einen unveränderlichen Text der Streitsache, der dem Richter zur Richtschnur und zum sichern Leitfaden für den Entscheid der Appellation oder des Kassationsbegehrens dient. Und ausser diesem grossen Vortheil kann man nicht läugnen, dass diese Einleitung nicht zugleich sebr kurz, sehr wenig kostspielig, und sehr bequem für die Parteien sei; denn endlich, nachdem sie zu Hause ganz ruhig dieses Papier, welches ihre Gründe ganz nackt enthält, geschrieben haben, oder schreiben liessen, können sie zum Richter gehen, und, wenn sie es wollen, noch bei der gleichen Vorlassung den bestimmtesten Entscheid von ihm erbalten. Wie könnte man denn glauben, es sei ein grosses Opfer, sich einer so einfachen Förmlichkeit zu unterwerfen, um übrigens jene mündliche Prozessführung zu erhalten, welcher gewisse Kantone so sehr anzuhängen scheinen? Allein die Kantone, wo man die Prozesse scbriftlich verfocht, werden auf ihrer Seite leicht zu bemerkende Vortheile in diesem Entwurfe finden. Allererst wird kein geringer Fall, (in dieser Klasse wären alle, deren eigentlicher Werth sich nicht auf 400 Liv. beläuft ;) kein solcher Fall kann einen schriftlichen Prozess veranlassen. Die Replik und Duplik werden abgeschafft, und wenn Jemand hierin eine Unschicklichkeit fände, so würde er von seinem Irrthum zurück kommen, wenn er sieht, dass der Fall, der sonst schon von dem Friedensrichter verhandelt wurde, unwiderruflich durch die beiden vorgängigen Kundmachungen begrenzt wurde; denn da diese beiden Schriften nothwendiger Weise die Mittel und die Schlüsse der Parteien enthalten, sind sie, eigentlich zu reden, ein wahres Begehren und eine Antwort; und die beiden, vor den Richter gebrachten Schriften die Replik des Klägers, und die Duplik seiner Gegenpartei. -- Uebrigens sind alle Formen abgekürzt; die Nebenfragen (Beihändel) werden ohne Schrift und Aufziehung beurtheilt; jede unnütze Auslage ist mit der grössten Sorgfalt abgeschafft.

Muss man auch ein Wort von den Advokaten und dem Anwalt sprechen? Wenn man hierüber gewissen Personen glauben wollte, die eher ihr Herz als ihren Kopf zu Rathe zieben, die nur das Uebel und nicht die Unmöglichkeit ibm abzuhelfen sehen, man verböte diesen Beruf, so nützlich, wenn er mit Redlichkeit getrieben wird, aber so gefährlich, wenn sich Männer von einer zweideutigen Ehrlichkeit darunter schlüpfen. Der Vorschlag ist nicht neu, man hat eine solche Reform, aber umsonst in Frankreich versucht; die Nothwendigkeit hat bewiesen, wie unnütz diese Abänderung sei, und den Advokaten folgten die Geschwornen, die Praktiker, die Spezial-Prokuratoren und die amtlichen Vertheidiger. Wird man wirklich jenen Menschen, der weder

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schreiben, noch vielleicht lesen kann, verhindern, sich an einen anderen zu wenden, der für ihn lese oder schreibe? Wird man Denjenigen, der nicht reden kann, und nicht zu reden weiss, oder der gewöhnlich den Kopf verliert, wenn er ihn am nöthigsten hat, wird man ihn verhindern, seinen Nachbar, seinen Verwandten, oder seinen Freund mitzubringen, damit er an seiner Stelle rede? Und das ist doch immer ein Advokat; denn wer kann unterscheiden, ob dieser Dienst ganz unentgeltlich erwiesen wird, oder aber von einer Belohnung, sollte sie auch nur verhofft sein, begleitet ist. Die Gleichheit sogar, die zwischen den Parteien herrschen soll, wird oft die Gegenwart eines Advokaten erfordern; denn wenn die eine ein gebildeter, beredter, oder auch nur ein geschickter, verschlagner Mann ist, die andere ein unwissender, einfacher, dummer; ist seine Sache nicht der Gefahr ausgesetzt, wenn ihm das Gesetz verbietet, Jemand zu brauchen, der für ihn die Streiche seines gefährlichen Gegners abwende. Wie kann man hoffen, dass der Landbauer, der Handwerker jemals eine solche Kenntniss der Gesetze erlangen können, dass sie darin das genaue Mass ihres Rech- . tes, und das beste Mittel, es geltend zu machen finden werden? Denn lasst uns nie aus dem Gesichte verlieren, dass, je grösser die Freiheit eines ausgebildeten Volkes ist, je mehr vermebren sich seine Gesetze und delinen sich aus, um hierdurch die Grenzen der Willkür immer näher zusammen zu ziehen. So in dicke Bände zusammen getragen, so deutlich und einfach auch die Gesetze sein mögen, scheinen sie dem wenig gebildeten Menschen verwickelt und dunkel; also wird die Beihülfe eines Andern, dem er sich anvertraut, und der ihm die Erklärung und die Anwendung des Gesetzes auf den ihn betreffenden Fall gibt, jenem immer nothwendiger werden. Wie man es also anfangen mag, wird man niemals dazu kommen, einen Stand abzuschaffen, den unsere Sitten, der Grad von Ausbildung, den wir erreicht haben, und die Gesetzgebung, welche sich darauf bezieht, nur allzu offenbar unentbehrlich machen.

Von dieser Wahrheit überzeugt, glaubte Eure Kommission, es sei hier darum zu thun, Linderungsmittel gegen ein Uebel zu gebrauchen, das sich nicht zerstören lässt; sie schlägt Euch also vor, die Praktiker einer genauen Polizei zu unterwerfen, die Advokaten von jedem kleinlichen Han

del abzuhalten (und unter dieser Benennung, glaubt sie, könnte man jeden Rechtsfall begreifen, dessen eigentlicher Werth sich nicht auf 400 Liv. beläuft); endlich schlägt sie insonderheit eine Regel vor, von der sie die glücklichste Wirkung erwartet, nämlich den Advokaten kein Betreibungsrecht für die Forderungen von Honorarien zu gestatten. Hierdurch wird der Beruf des Advokaten um so erhabener erscheinen, da er auf der ehrenvollen Grundlage eines gegenseitigen Zutrauens, und nicht auf einem Handel des Eigennutzes beruht. Hierdurch, wenn auch schon der Advokat sogleich den Lohn seiner Arbeit fordert, wird es doch wenigstens nie begegnen, dass sich der Klient in eine lange Folge von Streitsachen verwickeln lässt, deren Einfluss auf seine Glücksumstände er nicht eher bemerkt, als wenn dieselben ganz und unwiderbringlich zerrüttet sind.

Hier, wie anderwärts, glaubte die Kommission schuldig zu sein, einen gerechten Mittelweg einzuschlagen; sie glaubte, bei dem ganzen Entwurf einer doppelten Klippe ausweichen zu müssen; auf der einen Seite sich in dem Meere der Umständlichkeiten zu verlieren, das hier um so gefährlicher ist. da man, indem man eine Schwierigkeit vermeiden will, oft tausend andere erzeugt; auf der andern Seite das alles zerstörende Beil zu gebrauchen, mit dem sich diejenigen bewaffnen, welche glauben, dass eine Reform nur darin bestehe, alles niederzureissen; und dass, um die Menschen auszubilden, man damit anfangen müsse, alles aus ihrer Mitte zu verbannen, was einige Aufklärung verspricht. Ohne bei solchen gewaltsamen Mitteln Hülfe zu suchen, strebt Eure Kommission, Euch eine Folge von einfachen Vorschriften vorzulegen, deren Wirkung sein soll, das alles verschlingende Ungeheuer der heimlichen Ränke niederzustürzen, ohne die vor Gericht gezogenen Bürger der Freiheit einer rechtmässigen Vertheidigung zu berauben.

Der vorliegende Entwurf, Bürger Repräsentanten, wird Euch zu diesem Zwecke vorgelegt. Nehmet ihn günstig auf, wicht als wenn er der möglichst beste wäre, sondern weil die Kommission wenigstens in der Ueberzeugung steht, dass er nicht gefährlich sein kann. Die Zeit ist dringend ; die Desorganisation des Gerichtswesens hat die höchste Stufe erreicht; die alten Gesetze, von allen Seiten angegriffen, sind bereit, zu schwanken; selbst die Vereinigung vorber von

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