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angekauft und mit der schon vorhandenen Büchersammlung vereinigt wurde.

Die Anregung dazu aber, eine wirkliche Fachbibliothek für den Buchhandel zu errichten, ist dem verdienten Leipziger Buchhändler Wilhelm Ambrosius Barth zu verdanken. Dieser hatte am 20. Februar 1843 zunächst der Generalversammlung des Vereins der Buchhändler zu Leipzig einen Plan unterbreitet, dessen Grundzüge er in einem späteren ausführlicheren Promemoria folgendermassen entwickelte. Es sollte eine allgemeine Buchhändler-Bibliothek, verbunden mit einem Fachjournalisticum, errichtet werden; sowohl der Börsenverein, als der Leipziger Verein könnten die Sache mit Aussicht auf Erfolg in die Hand nehmen. Da jeder Verleger gewiss gern ein Exemplar seiner betreffenden Verlagsartikel der Bibliothek überlassen würde, dürfte zu weiteren Anschaffungen eine mässige jährliche Summe genügen. Die Geschäfte des Bibliothekars könnte der Redacteur des Börsenblattes mit besorgen. Die Fachblätter müssten wenigstens an einem Abend der Woche in dem Vereinslocale ausliegen, um den jüngeren Buchhändlern Gelegenheit zu deren Lectüre zu geben. Der Leipziger Verein war der Meinung, es wäre mehr Sache des Börsenvereins, diese Angelegenheit in die Hand zu nehmen, und richtete ein desfallsiges Schreiben an den Vorstand desselben. Dieser lehnte aber seinerseits die Betheiligung ab, indem er die Ansicht aussprach, dass es ihm weit angemessener scheine, wenn der Leipziger Verein den Plan aus seinen eigenen Mitteln zur Ausführung bringe, um so mehr, da die Benutzung einer solchen Bibliothek doch vorzugsweise, wenn nicht ausschliesslich, den Leipzigern zu Gute kommen würde. Nun lehnte es auch Barth ab, von sich aus persönlich für die Sache einzutreten und so blieb die Anregung vorläufig ohne ein erkennbares Resultat, wenn man nicht annehmen darf, dass der in der Cantateversammlung 1844 gefasste, oben erwähnte Beschluss, die Schmaltz'sche Sammlung anzukaufen, doch einigermassen dadurch beeinflusst worden ist.

Jetzt aber kam der Vorstand des Börsenvereins auf ein früheres Anerbieten des Leipziger Vereins zurück, wonach dieser sich bereit erklärt hatte, die schon von ihm selbst angelegte, weit bedeutendere Büchersammlung an den Börsenverein abzutreten. So kam dann die Bibliothek des Börsenvereins, wahrscheinlich im Sommer des Jahres 1844, in Besitz des grössten Theils der nach weiteren Gesichtspunkten angelegten des Vereins der Buchhändler zu Leipzig. Sie wurde dadurch inhaltlich bedeutend erweitert und besonders auch durch eine grössere Anzahl buchhändlerischer Zeitschriften, wie nicht minder durch das sogenammte Kummer'sche Archiv bereichert. Die Schenkung war nur an die Bedingung geknüpft, dass die Sammlung in Leipzig bleiben sollte.

Die Verwaltung der Bibliothek gehörte zu den Obliegenheiten des jeweiligen Schriftführers des Börsenvereins. Mehrfache Anläufe, einen Katalog herzustellen, scheinen kein weiteres Resultat ergeben zu haben, als dass die angefertigten Verzeichnisse in den Acten begraben blieben. Von einer Benutzung finden sich aus der folgenden Zeit nur einzelne spärliche Spuren.

So führte die Bibliothek 'ein fast unbeachtetes Dasein fort, bis der Vorstand des Börsenvereins unter dem 7. März 1861 in Herrn Dr. Albrecht Kirchhoff einen selbstständigen Bibliothekar ernannte.

Nun kam ein neues, frischeres Leben hinein. Schon unter dem 4. November desselben Jahres konnte der orstand im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel den nachstehenden Bericht des neuen Bibliothekars veröffentlichen, der hier um so mehr in extenso mitzutheilen ist, weil er die damals als massgebend angenommenen Gesichtspunkte klar darlegt, die auch jetzt noch den Rahmen der Bibliothek bezeichnen.

„Auf Anordnung des Vorstandes des Börsenvereins veröffentliche ich nachstehend, auf Grund der vorhandenen Aufnahmen, ein Verzeichniss des gegenwärtigen Bestandes der Bibliothek des Vereins. Ich verbinde damit zugleich eine kurze Darlegung der Grundsätze und Grenzen, die vorläufig für die Formirung und Vermehrung der Bibliothek als massgebend vorgeschrieben sind. Dieselben können denjenigen der Herren Collegen, die dem werdenden Institute ihre Theilnahme, sei es durch Widmungen, sei es durch Anerbietungen, zuzuwenden gesonnen sind, als Leitfaden dienen."

„Der Umfang der Bibliothek ist vorläufig auf die Literaturfächer beschränkt, welche die geschäftlichen Verhältnisse und Beziehungen des Buchhandels berühren. In den Vordergrund tritt demgemäss die den Buchhandel direct, sowie seine Rechtsverhältnisse und die der Presse betreffende Specialliteratur. Zunächst: Geschichte des Buch- und Handschriften handels und die eng damit verschwisterte Geschichte der Buchdruckerkunst, Geschichte einzelner Geschäfte, Biographien und Nekrologe von Buch händlern und Buchdruckern, mögen sie selbständig gedruckt, in Zeitschriften oder anderen Büchern enthalten sein. Jedes bei Familien- und geschäftlichen Festlichkeiten gedruckte Blättchen hat für die Bibliothek Werth und wird

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mit um so grösserem Danke angenommen und bewahrt werden, je schwieriger es ist, derartige, meist bald in Vergessenheit gerathende und verwahrloste Kleinigkeiten zu erwerben, ja überhaupt nur Kenntniss von ihrer Existenz zu erlangen. Zu den geschichtlichen Documenten der einzelnen Geschäfte zählen natürlich auch die Etablissements-Circulare und Verlags- und Sortimentslager-Kataloge, zu den geschichtlich-statistischen Documenten des Buchhandels in genere die Messkataloge."

„Für die mehr geschäftliche Literatur des Buchhandels ist in gleicher Weise eine sorgsame Berücksichtigung der in Zeitschriften und sonstigen Druckwerken zerstreuten Aufsätze und Notizen geboten. Jedes Circular und jedes Blättchen, das geschäftliche Verhältnisse und Einrichtungen, selbst Streitigkeiten, berührt und erörtert, ist für die Bibliothek erwünscht.“

„Namentlich muss dieselbe aber ihr Augenmerk auch darauf richten, handschriftliches Material aufzusammeln, und zwar besonders für die Perioden des Buchhandels, aus denen Drucksachen gar nicht, oder doch nur kärglich vorhanden sind, vorzüglich also für die älteren Zeiten und für den Anfang des laufenden Jahrhunderts. Es ist daher ganz besonders um die Ueberlassung noch erhaltener handschriftlicher Aufzeichnungen, interessanter geschäftlicher Papiere, Briefschaften und Documente aus diesen Zeiten zu bitten."

,,In möglichst gleicher Vollständigkeit soll die Sammlung der Literatur der rechtlichen Verhältnisse des Buchhandels und der Presse erstrebt werden. Die Literatur des Streites über Nachdruck und Pressfreiheit, mag sie in Broschüren, Zeitschriften, Circularen und Flugblättchen enthalten sein; die jeweilige Gesetzgebung in Sammlungen, Einzeldrucken (namentlich älteren Censurplacaten, Verboten, Arrêts u. dgl.) oder in den betreffenden Nummern der Gesetzsammlungen; Press- und Nachdruckprozesse, Indices librorum prohibitorum u. S. W. wären hierbei zu beachten."

„In zweiter Linie sollen für die Bibliothek berücksichtigt werden: Geschichte der Schreibkunst, des Handschriftenwesens, Paläographie, Technik der Buchdruckerkunst, Geschichte und Technik der Papierfabrication und Buchbinderkunst, Technik des Kupferstiches, des Kupferdruckes, des Holzschnittes, der Lithographie und der sonstigen Hilfsmittel der Vervielfältigung und Ausschmückung. Sodann endlich: Bücherkunde im Allgemeinen, Bibliographie und Bibliothekswissenschaft.“

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„Wie bald diese in zweiter Linie genannten Abtheilungen der Bibliothek einer energischeren Förderung entgegen sehen, und einige andere projectirte Ergänzungen der Sammlungen in Angriff genommen werden können, wird von der der Bibliothek gewidmeten Theilnahme der Collegen, den disponiblen Geldmitteln und den ferneren Beschlüssen des Vorstandes abhängen."

Das beigegebene „Verzeichniss des gegenwärtigen Bestandes der Bibliothek des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler", der erste gedruckte Katalog der Bibliothek, zählt unter den Rubriken: Buchhandel, Bibliographie, Verlagsrecht und Pressgesetzgebung, Literaturwissenschaft, Bibliothekswissenschaft, Buchdruckerkunst und Reine Festschriften 292 Werke auf, von denen jedoch ein Theil, aus der Schmaltz'schen Sammlung herrührend, als in den Rahmen der Bibliothek durchaus nicht passend auf Antrag des Bibliothekars später wieder ausgeschieden wurde. Die von

nun an regelmässig am Schlusse des Rechnungsjahres durch den Bibliothekar an den Vorstand des Börsenvereins erstatteten und durch diesen im Börsenblatt veröffentlichten Berichte über die Bibliothek sprechen durchweg von einer erfreulichen Weiterentwicklung der Bibliothek, ermöglicht durch die zur Verfügung gestellten Mittel, bringen aber auch, wenigstens in den ersten Jahren, regelmässig wiederkehrende Klagen über Theilnahmlosigkeit des Buchhandels im Allgemeinen, über Nichtbeachtung der von Herrn Dr. Kirchhoff in dem oben abgedruckten Exposé ausgesprochenen Wünsche und Winke. (Vorgreifend sei hier mit Genugthuung darauf hingewiesen, dass sich später dieses Verhältniss bedeutend geändert, dass sich sogar ein treuer Stamm freundlicher Gönner gebildet hat, welche ihr Interesse für die Bibliothek fortgesetzt bethätigen, indem sie auf Alles Acht haben, was für diese Interesse hat, um sie dadurch zu bereichern. Eine Aufzählung dieser Herren ist hier nicht thunlich; aus der langen Liste von Namen sei es gestattet allein herauszuheben die Herren Dr. Albr. Kirchhoff in Leipzig und Louis Mohr in Strassburg, welch letzterer sich insbesondere um Beschaffung seltener und schwer zu erlangender französischer Literatur seit Jahren grosse Verdienste erworben hat. Und gerade dieser dankbar anzuerkennenden Aufmerksamkeit hat die Bibliothek die Erlangung so mancher schätzbaren und seltenen Acquisition zu danken. Allerdings sind das immer nur Einzelne, wäre die Mitwirkung recht Vieler sehr zu wünschen. Gerade die Bibliothek des Börsenvereins sollte in allen Fällen in erster Linie berücksichtigt werden, wenn man sich entschliesst, sich eines bezüglichen Besitzes zu entäussern. So sind beispielsweise die geschäftlichen Briefe Klopstock's an seinen Verleger Hemmerde in die Marienbibliothek in Halle gestiftet worden, eine Bibliothek, die der Benutzung nur schwer zugänglich ist. In ähnlichen Fällen würden die Stifter ihre Absicht viel besser erreichen und zugleich dem Allgemeinen mehr nützen, wenn sie der Bibliothek des Börsenvereins ihre Schätze anvertrauen wollten.)

Zu einer andern, immer zu wiederholenden gegründeten Klage gab der Mangel an einem passenden Bibliotheklocale Veranlassung. In Folge der vielseitigen Benutzung und der innern Einrichtung der Buchhändlerbörse war die Bibliothek in einem Zimmer untergebracht worden, wo es an Raum zu zweckmässiger Aufstellung der Bücher, wie zum Arbeiten gebrach; oft war es nicht einmal möglich, zu den Bücherschränken zu gelangen. Trotz mehrfacher Übersiedelungen in andre Räumlichkeiten war diesen Übelständen nicht genügend abzuhelfen, während sich diese durch das fortwährende Anwachsen der Bestände, späterhin überdies durch Ermöglichung der Benutzung der Bibliothek vermehrten. Dem fast unerträglich gewordenen Zustande hat erst in neuester Zeit durch einen Umbau und durch Überweisung des jetzigen Locals an die Bibliothek zu ausschliesslichem Gebrauche ein Ende gemacht werden können. Und doch kann selbst dieser Zustand nur als ein provisorischer betrachtet werden; auch hier ist der Platz schon jetzt kaum noch hinreichend. Erst der in Aussicht stehende Bau einer neuen Buchhändlerbörse wird die Möglichkeit gewähren, genügende Räumlichkeiten herzustellen.

Diese Verhältnisse hatten im Anfange auch den grossen Nachtheil im Gefolge, dass an eine Nutzbarmachung der Bibliothek zunächst nicht zu denken war. Die definitive Aufstellung und Katalogisirung der Bücher musste so lange unterbleiben, bis ein anderes, wenigstens einigermassen dem vorhandenen Bedürfnisse genügendes Local die nothwendigen Vorarbeiten zum Drucken eines selbstständigen Katalogs, der ersten Bedingung einer Nutzbarmachung der Bibliothek, ermöglichte.

Als nun endlich im Jahre 1868 nach Überweisung eines neuen Aufstellungsortes (auf der südlichen Gallerie des grossen Saales der Buchhändlerbörse) und nach Herstellung der erforderlichen zweckmässigeren Bücherschränke die Bibliothek zu einer wenigstens relativen Ruhe gelangte, wurde die Anfertigung des Zettelkatalogs energisch in Angriff genommen. Die Katalogisirung erfolgte zu ziemlich gleichen Theilen durch den Bibliothekar Herrn Dr. Albr. Kirchhoff und den Unterzeichneten, den Herr Dr. Kirchhoff vermehrter Berufsgeschäfte wegen schon im Jahre 1866 zur

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