Page images
PDF
EPUB

und verkaufen möge; doch solle er in Theologicis keine verdächtige calvinistische oder andere Irrige Bücher einführen und feill haben, ingleichen auch, was gemeine Scholastica sein, weil andere Unserer Underthanen Ihre Narung damit haben, nicht füren."

Troß dieser Verwarnung hinsichtlich des Vertriebes „calvinistischer Schriften nahm sich der Administrator Joachim Friedrich doch France's an, als dieser in der zweiten Periode der cryptocalvinistischen Wirren in Sachsen eben des Vertriebs derartiger Schriften halber auf der Leipziger Messe gemaßregelt wurde. Der Kurfürst Christian zu Sachsen konnte sich also auch mit Recht bei Joachim Friedrich darüber beschweren, daß dieser fich France's ungehöriger Weise annehme, „denn dieser sei durch Zeugen überführt worden, daß er als den allgemeinen beschriebenen Rechten, auch des heiligen Römischen Reichs Polizey-Ordnung entgegen, allerhand Schmee- und Läster-Schrifften in den eingefallenen Religionsstreitigkeiten zeither in Unseren Landen vielfältigt eingeschoben, auch hierüber etliche derselben, ungeacht, ob Ihme gleich solche albereit Ostern anno 1590 zu verkauffen von erwentem Raht verbotten gewesen, nechst Weihnachten dieses 91. Jahres in großer Menge wiederumb nach Leipzigł zu führen sich unterfangen, auch solche Schrifften damals ganz vertuschter Weise zu sonderlicher Verachtung Unsers angelegten Verbotts unter die Leute sprengen wollen, das er sich auch hierüber anderer mehr hochsträfflicher unthaten mit Nachdruckung der von Uns privilegirten Bücher unterstanden.“

Derselbe engherzige Geist, welcher sich in dieser Beschwerde des Kurfürsten von Sachsen äußert, zeigt sich auf wirthschaftlichem Gebiete in dem Privilegium, welches Kurfürst Johann Georg am 18. October 1594 dem Buchhändler Hans Werner in Cöln a. Spree (jedenfalls ein Sohn oder Nachfolger des Buchführers Jörg Werner aus Berlin, welcher im Jahre 1569 die Leipziger Messe besuchte) ertheilte und welches Kurfürst Joachim Friedrich am 14. October 1600 bestätigte. „Derselbe fod," heißt es wörtlich, „zur Fortfeßung seiner bessern Nahrung, auch zur Beförderung des gemeinen Nußens, auch Kirchen und Schulen, etliche Bücher aufflegen und drucken lassen dürffen jedes Mal mit der Professoren Unserer Universität zu Frankfurt a. D. Vorwissen und Censur und ein Privilegium erhalten, damit sie ihm nicht nachgedrudt werden.

Wer seine Bücher ohne seine Genehmigung nachdruckt, zahlt 200 Thlr. fiscalische Strafe, wovon die eine Hälfte Unserer Kammer, die andere an Hans Werner bezahlt werden soll, darf auch eine Buchbinderei errichten mit eigenen Gesellen, falls die bisherigen Buchbinder in Cöln und Berlin, welche ihm durch ihre Faulheit schaden, in ihrem Unfleiß fortfahren. Nachdem er sich auch ferner beklagte, daß främbde Buchführer oftmals allhier sich unterstehen, außerhalb der Wochen- und Jahrmärkte Bücher feihl zu halten, die doch Uns mit Unterthanen-Pflichten nicht verwandt, auch weder Schoß noch Steuern geben und Ihme also sein Buchhandel mit überfürung främbder Bücher gestopft werde, so sollen diesfals Bürgermeister und Rathmänner der obgemeldten beiden Städte Berlin und Cöln darauf sehen, daß er gleichwol von denselben auswärtigen Buchfürern nicht übermacht und Ihme, Hansen Werner, dasselbe zu nachtheiligem Vorgange nicht gereichen möge; jedoch soll er, Hans Werner, auch die Leute mit dem Kaufe seiner Bücher zur Billigkeit nicht übersezen.“

Dieser Buchladen war bis zum Mai 1614 der einzige in Berlin und „Jedermann allhier als sehr billig bekannt." Werner, der im Laufe des Jahres 1615 starb, hatte sich aber in seinen legten Lebensjahren den Unwillen des 1613 zum Calvinismus übergetretenen Kurfürsten Johann Siegismund dadurch zugezogen, daß er in den Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformirten sich weigerte, die Streitschriften der leßteren zu führen. Als Martin Guth, der bisherige Buchhalter des Geschäfts, unterm 16. September 1615 um die Uebertragung des Werner'schen Privilegiums auf sich bat, welches ihm von des verstorbenen Werner's Sohn vorbehaltlich kurfürstlicher Genehmigung verkauft worden war, bestätigte zwar Johann Siegismund die Uebertragung am 1. Januar 1616 und „straffte“ den Sohn nicht wegen „der Verbrechen“ des Vaters; allein er hatte Guth kurz zuvor dadurch eine Concurrenz geschaffen, daß er unterm 10. Mai 1614 die Brüder Kalle, die keine gelernten Buchhändler waren, als zweite Handlung für Berlin privilegirte.

„Nachdem wir befunden, daß es an guten, sonderlich aber an theologischen Büchern“ heißt es wörtlich in dieser interessanten Urkunde vom 10. Mai 1614*) — ,,die bei diesen Läuffen und Zeitten, da durch unnöthiges Gezänk etlicher müßiger Theologen (da sie anders also zu nennen) Alles in der Kirche und Gemeinde Gottes unruhigk und ihrr gemacht wirdt, zu haben, zu lesen und zu gebrauchen nüßlich: in beiden Unseren Residenzstädten wirklicher Mangel vorfiele: das sich auch zudem Johann Werner, der sonsten mit einem Privilegio des Buchführens halb von Unseren in Gott ruhenden Eltern Hochlöblichster Gedechtnus, auch Uns selbsten begnadigt dergleichen Bücher zu führen sich verweigerte; daß wir darauf mit Unseren lieben getrewen Hansen und Samueln, den Kallen Gebrüdern, Bürgern in Unserer Residenß-Stadt Berlin, handeln lassen, solch Bücherfüren auf sich zu nehmen, auch hiermit auf dem ißo einstehenden Leipziger Ostermarkt einen Anfang zu machen, welches Alles sie dann gehorsamblich eingegangen: damit sie aber auch dannachhero umb so viel weniger einigen Schaden ausstehen oder gewartten dürffen: So wollen Wir sie hiermit gegen mennigklich solches ihres Buchfürens halb, da sie sich Uns zu unterthänigsten Ehren und Gehorsam also bequemen wollen, in Unsern besondern Schuß und Schirm genommen, auch gegen mennigklich desselben Buchhandels halb, noth und schadlos halten. Wir wollen ihnen auch ferner einen gelegenen Orth an Unserer Rennbahnen allhier vorm Schloß *) anweisen, auch so viel Bretter und Holz (also zu einer Bude) als sie hierzu nöttigt verreichen lassen, damit sie einen Laden erbauen und solche Bücher öffentlich daselbsten feil haben können. Auch soll niemandem außerhalb ihnen beiden in vorgemeldten Unseren Residenzstädten Berlin und Cöln, dergleichen Bücher zu führen, feihl zu halten oder zu verkauffen, nachgegeben, vergönnet oder verstattet werden: Ades bei Verlust und Confiscation der Bücher, so offt diesem zuwider etwas geschehe oder vorgenommen werde.

*) Breuß. Geh. Staatsarchiv R. q F. 2 a. Bücher-Censur.

„Und haben Wir sie auch ferners begnadighend befreyhet, indem es abermals die Erfahrung geben, wie langsam es mit dem Binden der Bücher, aus Mangel der Gesellen, hernachen ginge, auch also, daß öfters Bücher über einen Monat bey den Buchbindern liegen bleiben müssen, daß sie, so oft es Ihnen beliebig ist, ein paar Gesellen oder die sonsten nach Þandwerksgebrauch

*) Oder auch Stechbahn, zwischen der Brüderstraße und der ießigen Schloßfreiheit, gegenüber dem Schloß.

zugelassen an Zahl seyen, auf so lange es ihnen gefelligt, halten mögen."

Der Kurfürst durfte es damals also nicht wagen, mit Gewaltmaßregeln gegen die das Volk aufhebende lutherische Geistlichkeit einzuschreiten, und mußte froh sein, wenn auch seine Partei zu Worte fam. So privilegirte er denn die Kalles unter der ausdrücklichen Verpflichtung, daß sie die Druck und Streitschriften der Reformirten auch führten und verbreiteten. Wie vortheilhaft und staatsmännisch weise sticht diese Maßregel von den Preßbestimmungen späterer Zeiten ab! Allerdings wurde sie ein volles Jahrhundert vor dem Zeitpunkt getroffen, wo Friedrich Wilhelm I. „die souveraineté wie einen rocher von bronze stabilirte."

Erst Kurfürst Georg Wilhelm ließ durch Privilegium vom 29. September 1625 den Georg Kelmer auf sein Ansuchen als dritten Buchhändler neben den beiden, bereits in Berlin bestehen: den Firmen zu, weil er sich verpflichtete, „folche Bücher, Materialien und Werke zu führen und um einen billigeren Preis als bisher zu geben, die man bisher an diesem Ort umb billige Bezahlung nicht hat erlangen und überkommen können.“ Ob Kelmer sein Geschäft nicht angefangen hat, oder ob er früh gestorben ist, geht aus den Acten nicht hervor; es geschieht aber seiner oder nur eines Nachfolgers fortan keine Erwähnung mehr.

Der dreißigjährige Krieg, der sich um diese Zeit nach den Marken wandte und das ganze Land in eine Einöde verwandelte, zerstörte auch die bescheidenen buchhändlerischen Anfänge und ließ ebensowenig neue Anjäße auffommen. Namentlich litten die beiden Hauptstädte Berlin und Cöln entseglich. Zu den Verheerungen der Feinde gesellten sich ansteckende Krankheiten; Handel und Gewerbe lagen derartig darnieder, daß die Zahl der Einwohner der beiden Städte auf zusammen kaum 6000 sank. So vergehen denn auch mehr als zwanzig Jahre, ehe man in den Acten des Geh. Staats-Archivs, welche sogar von der Zulassung von Materialwaarenhändlern berichten, wieder der Eingabe eines Buchhändlers oder Druckers begegnet.

Während dieser ganzen Zeit findet sich nur ein einziges Gesuch um ein Privilegium zur Errichtung einer Buchhandlung in den Marken vor und zwar aus Cüstrin, wo Johann Friedrich Manstadt sich niederzulassen beabsichtigte. Der Kurfürst genehmigte unterm 8. December 1648 seine Bitte, „da Wir die gesuchte Buchhandlung Unsrer Vestung und neumärkschen Landen nüßlich und fürtreflich befinden.“ Wie klein und jämmerlich die Geschäfte damals waren, ergiebt sich aus dem Privilegium, dessen Hauptinhalt folgendermaßen lautet:

,,Thun daß und verwilligen hiermit und in Kraft dieses, daß Er, Johann Friedrich Manstadt in oberwähnter Unsrer Bestung Cüstrin an einem wollgelegenen Orthe aber nicht aufm Rahthause wie Er angefangen, einen offenen Buchladen anrichten, undt Sich nicht allein der freyen Handlung mit allerley im Römischen Reiche unverbottenen Büchern, sondern auch allen denjenigen Stüden, welche zu der Buchhandelunge, Schreiberey und Buchbinderey gehören, als Schreibfedern, aus und Einländischen Schreibeund geferbten Papier, Siegelwachs, Spanischen Lad, Brieffaden, Oblaten zur Versigelunge der Brieffe, gebundenen und ungebundenen Schul- undt Beht- Büchern, Calendern in allen formaten, Buchbinder-Clausuren, Schweine-Gahr-Lohgar-Saffian, und Reus Bischen Leder, Corduan, Buchbinder und Schreibe - Pergament; Item geferbten Pergament, wie solches inner- und außerhalb Landes zugerichtet wirdt, und in Summa mit allem, was bey solcher Handlunge üblich ist, gebrauchen solle und möge; Jedoch in folcher gestalt, daß Er Sich

auch in seiner band: lung der Billigkeit befleißigen und allemahl die Current Tare der Bücher von Frankfurt a. M. und Leipzig nebenst dem Catalogo, so von den Büchern auf allen Messen herauskommet, anschaffen und bey der Hand haben solle."

In den zunächst auf den dreißigjährigen Krieg folgenden Jahren kommen dagegen meistens nur Gesuche um Gestattung der Nachfolge in bereits bestehende Firmen, oder Beschwerden über auswärtige und städtische Concurrenz vor. So wurde dem Daniel Reichel aus Wittenberg auf seine Bitte vom 17. December 1648 bewilligt, das von Martin Guth betriebene Geschäft fortzuseßen. Dieser selbe Reichel klagte im November 1655 in Gemeinschaft mit Johann Kalle gegen den Hamburger Buchhändler Johann Leßer, welchem dann auch durch kurfürstliches Verbot vom 22. November 1655 der Verkauf von Büchern in Berlin untersagt wurde. Ein zweites Verbot erließ auf Reichels Beschwerde der Kurfürst am 17. December 1655 an Balthasar Mevius aus Wittenberg: „allhier in den Häusern herumbzulauffen, den Katalogum seiner Bücher zu präsentiren und Bücher zu verkauffen, wodurch jenem in seiner Nahrung, wovon er doch des Landes onera tragen muß,

« PreviousContinue »