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gegen Mitte des Jahrhunderts seinen ständigen Drucer in der Person des Johann Eichhorn aus Nürnberg, der 1549 in Wittenberg gewonnen wurde und in seinen sauberen, schönen Drucken die auf der jungen Universität entschieden hervortretende philologische und theologische Richtung pflegte. Seine Druckerei war eine für die damalige Zeit sehr bedeutende, indem er 18 ,,Gesellen" und 4 Pressen beschäftigte. Neben ihr war um die Wende des sechszehnten Jahrhunderts die Hartmannsche Officin unter Johann Hartmann und seinem Sohne Friedrich von besonderer Bedeutung. Sie hat auch einen reichen musikalischen Verlag aufzuweisen, unter welchem die Werke des Cantors Berthold Gesius, namentlich seine Gesangbücher, obenan stehen. Im Jahre 1663 wurde durch Erasmus Rösner auch in Guben eine Filiale seiner Druckerei errichtet, die jedoch nach einiger Zeit wieder einging. Zur Zeit des zweiten Jubiläums der Universität (1706) gab es in Frankfurt außer drei Buchhändlern fünf Druckereien; auch bestand dort längere Zeit eine Druckerei für die Herausgabe hebräischer Schriften. (Schwarze 1. c. 1878, Nr. 54.)

In Berlin führte Kurfürst Joachim II. 1540 die neue Erfindung ein. Er brauchte, nachdem er sich 1539 der Reformation angeschlossen hatte, einen Drucker für seine neue Kirchenordnung und berief zum Zweck ihrer äußern Herstellung als seinen Hofbuchdruder den þans Weiß aus Wittenberg, der dort von 1525 bis 1539 u. A. auch elf Schriften von Luther gedruckt hatte. Das kurfürstliche Privilegium ist am 20. April 1540 ausgestellt. In demselben Jahre, wahrscheinlich schon etwas früher als im April, erschien in Quart „Kirchenordnung | im Churfürstenthum der Marken | zu Brandenburg, wie man sich beide mit der Leer und Cere / monien halten sol. Gedrukt zu Berlin im Jar MDXL.Die Missalia Ecclesiae Brandenburgensis waren noch 1494 in Nürnberg gedruckt worden. In demselben Jahre 1540 errichteten auch spanische Mönche in der Stadt Mexico die erste Druckerei, deren Buchstaben sie aus Rom erhalten haben sollen.

Die Presse von Weiß war in Berlin übrigens nur bis 1544 in Thätigkeit. Er druckte ziemlich viel für jene Zeit und stattete seine Werke auch mit einer gewissen Eleganz aus, amtliche Arbeiten, wie die Reformation des Kammergerichts, theologische Streitschriften, Schul- und Andachtsbücher, Predigten und einzelne Stücke von alten Classikern. Indessen scheint Berlins erster Drucker seine Rechnung dort nicht gefunden zu haben, wenigstens gab er 1544 sein Geschäft auf und kehrte nach Wittenberg zurüc. Von 1544 bis 1575, also volle dreißig Jahre gab es keinen Drucker in der jeßigen Reichshauptstadt. Der Kurfürst ließ seinen Bedarf an Staatssachen in Frankfurt a. D. drucken, wohin auch Hochzeitsgedichte und Leichenreden von den Berlinern zur Vervielfältigung gesandt wurden. Der bereits erwähnte, um diese Zeit in Frankfurt thätige Johann Eichhorn hatte sogar 1567 für die ganze Mark ein Privilegium erhalten, wonach feine neue Druckerei neben der seinigen errichtet werden durfte. Die Berliner Gelehrten mußten jeßt für längere Zeit auswärts drucken lassen, so der Stadtphysicus Matthias Flacius (Fleck) bei Hans Luft in Wittenberg, Georg Coelestinus bei Runge in Damm 1568–1571 und Michael Þaslob und Wolfgang Jobst in Frankfurt a. D. 1571. Ein Ab: druck der Augsburger Confession erschien 1572 nicht in Berlin, sondern in Frankfurt a. O.

Erst Leonhard Thurneysser zum Thurn*) richtete in Berlin wieder eine Druckerei ein und erhielt 1572 oder 1573 vom Kurfürsten das graue Kloster zur Ausübung seiner Kunst angewiesen. Am 6. August 1531 in der berühmten Druckerstadt Basel geboren, ist er einer der abenteuerlichsten Charaktere, welche die Geschichte der Buchdruckerkunst aufzuweisen hat. Schon in früher Jugend vielfach mit Alchymisten und Metallurgen verkehrend, erlernte er verschiedene Geheimnisse und Künste, deren Verwerthung ihm freilich schlecht bekam. So mußte er denn auch, als er vergoldetes Blei statt echten Goldes verkauft hatte, die Heimath verlassen und sein Glück in der Fremde versuchen. Dann erwachsen trieb er sich in fast ganz Europa herum, zog über Straßburg nach Frankreich und England, diente eine Zeit lang als Kuirassier in einem Regiment des Markgrafen Albrecht Achilles, arbeitete dann in Schmelzhütten und wurde 1558 Inspector der Tyroler Bergwerke des Erzherzogs Ferdinand, in welcher Stellung er sich ein großes Vermögen erwarb. Mit Erlaubniß des Kaisers Maximilian besuchte der unstete Abenteurer zu seiner fernern Ausbildung als Bergmann Schottland

*) F. C. W. Moehsen's Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg. Berlin und Leipzig, Deder 1769. 4°. S. 55—198.

und die Orkneys, ging aber von dort durch Portugal und Spanien in den Orient bis nach Arabien und Palästina, indem er sich überal als Wunderdoctor einen großen Namen machte. Im Jahre 1568 kehrte Thurneysser nach Deutschland zurück und erregte durch seine glüdlichen Curen überall großes Aufsehen. Zunächst wandte er sich nach Münster in Westfalen, wo er 1569 seine Archidoxa und 1570 seine. Quinta Essentia in der Officin Ossenbrug's in Quart drucken und mit den nöthigen Tafeln ausstatten lassen wollte. Indessen war die Leistungsfähigkeit der sonst in gutem Rufe stehenden Druckerei zu gering, weshalb er sich nach Frankfurt a. D. wandte, wo er in der Johann Eichhorn'schen Druckerei seine Schriften besser auszustatten vermochte. Hier ließ er dann auch 1570 sein großes Werk „Pison oder Beschreibung der Wasser“ drucken. Anfangs 1571 lernte Kurfürst Johann Georg, der zur Huldigung nach Frankfurt gekommen war, den interessanten Mann kennen und zog ihn bei einer schweren Krankheit seiner Gemahlin zu Rathe. Diese genas sehr schnell unter des Wunderdoctors geschickter Behandlung, der dankbare Kurfürst aber ernannte denselben zu seinem Leibarzt und überhäufte ihn mit Gunstbezeugungen aller Art. Thurneysser arbeitete sich unter diesen günstigen Verhältnissen rasch empor. Er verkaufte paracelsische Heilmittel zu hohen Preisen, stellte die Nativität, verfertigte Amulette, gründete ein Leihhaus, errichtete ein Laboratorium und legte zunächst für eigene Zwecke wahrscheinlich 1572 oder 1573 in dem ihm vom Kurfürsten eingeräumten grauen Kloster eine Buchdruckerei und Schriftgießerei an, welche er mit deutschen, lateinischen und morgenländischen Lettern, vortrefflichen ,,Formen“ und Zierrathen aller Art ausstattete. Johann Georg brachte manche Tage in den Werkstätten Thurneyssers zu. Die Bereitung medicinischer Geheimmittel und die Förderung aller dunkeln Künste, welche in der Küche für die alchymistischen Versuche gebraut, den Menschen plößlich reicher, weiser und glücklicher machen sollten, standen hier neben der Druckerei und Gießerei. Es ist aber bezeichnend für die Unbildung jener Zeit, daß Buchdruck und Schriftenguß in den Augen der höchststehenden Personen vielfach noch als zu der Alchymie gehörend betrachtet und dieser Anschauung entsprechend behandelt wurden.

Wie bedeutend übrigens Thurneyssers Druckerei war, geht aus der Thatsache hervor, daß er in seiner Blüthezeit über 200 Arbeiter beschäftigte. Seinen besten Verlagsartikel bildeten seine Kalender, welche in verschiedenen Ausgaben erschienen und in ganz Deutsch land reichen Abja fanden. Im Jahre 1577 lieferte die Druckerei Werke zum Gesammtbetrage von 440 Bogen, darunter seine eigenen Schriften und diejenigen auswärtiger Gelehrter. Auch der Kurfürst gab ihr reichliche Aufträge. Thurneysser, dessen Arbeiten an künstlerischer Ausstattung für die damalige Zeit unerreicht dastanden, ist überhaupt der erste Drucker in der Mark, welcher auf den Namen eines Meisters seiner Kunst und eines bedeutenden Verlagsbuchhändlers Anspruch erheben kann.

Die Schriften goß ihm vor Errichtung einer eigenen Gießerei theils Zacharias Lehmann in Wittenberg, theils besorgten sie der Buchhändler Simon Hütter in Frankfurt a. M. und Joachim Lochner in Nürnberg. In Wittenberg waren zu jener Zeit wegen des häufigen Bibeldruds nicht allein verschiedene Drucker, sondern auch drei Schriftgießer. Lehmann lieferte ihm über zweihundert Kalenderzeichen und grobe schwabacher Fracturschrift, wie auch kleine Lettern, Klammern, Ziffern und Unterscheidungszeichen. Engelbert Krechtings Wittwe in Wittenberg versorgte ihn mit Versalien und Friedrich Bärwald daselbst mit groß Quart, Cursiv und anderer Schrift. Thurneysser zahlte folgende Preise: für Secunda Fractur, grobe Antiqua, grobe Romain, grobe Cursiv, Tertia Fractur à Centner 22 Thlr., für das Leihen der Matrizen von jeder Schrift 5 fl.; für den Centner grober schwabacher Schrift nebst Gießerlohn 18 fl. Der Centner Zeug wurde zu 10 fl. und der Gießerlohn zu 8 fl. angeschlagen. 1/2 Centner Quadratschrift fosteten 33 fl., ein Centner Mittel - Fractur und etwas Cursiv (20 Pfund) 26 Thlr. 6 Groschen, kleine Schrift der Centner 24 Thlr., 5 Pfund Farbe bezahlte er mit einem Gulden, zu einer andern Zeit 6 Pfund mit 27 Groschen. Farbe und Formschneideklingen ließ er von Zacharias Lehmann aus Wittenberg kommen, der einen einträglichen Fandel damit betrieb. In demselben Jahre lieferte ihm der Wittenberger Drucker Hans Schwertel eine Druckerpresse mit Zubehör und Sekkasten für 40 Thlr. Als Corrector und Ueberseger für die griechische und lateinische Sprache beschäftigte Thurneysser den Magister Salomon Deichmann, für die deutsche den Magister Joachim Gröpler. Der Factor Gregor Eber seşte lateinische und griechische Manuscripte und Michael Hengke aus Bürgel bei Jena, dem Hans Schnellbolz als Gehülfe beigesellt war, leistete Anerkennenswerthes im deutschen Schriftsaß. An Druckern wurde eine für damalige Verhältnisse große Anzahl beschäftigt; jeder derselben erhielt wöchentlich %. Thlr. Lohn. Außerdem standen verschiedene tüchtige Holzschneider, Stempelschneider und Gießer in seinen Diensten.

Das Papier bezog Thurneysser größten Theils von Zacharias Beiger in dem benachbarten Neustadt-Eberswalde, dem Besißer der 1532 dort errichteten Papiermühle. Da sie aber seinem Bedarf nicht vollauf genügen konnte, so mußte er denn auch in Wittenberg, Leipzig, Nürnberg und Baußen zugleich größere Vorräthe einkaufen. Im Jahre 1574 zahlte er u. A. dem Buchhändler Samuel Seelfisch in Wittenberg, ausschließlich Fuhrlohn, für den Ballen (à 10 Ries) Medianpapier 114, und 124/ fl. und für das Ries Regalpapier 4 Thlr., dem Papierhändler Alexius Schafhirt in Baußen 12 Ballen mit je 17 Thlr., den Ballen gewöhnliches Schreibpapier mit 8 Thlr. und dem Nikolaus Nerlich zu Leipzig das Ries besten Medianpapiers mit 34/ fl. und den Ballen Schreibpapier mit 9 fl. Die Rechnungen von 1575 fehlen. 1576 faufte Thurneysser von Seelfisch allein für 800 fl. Papier, 1577 aber gab er für solches 900 fl. aus. Außerdem hatte er in dieser Zeit auch aus Leipzig, Frankfurt und anderen Orten bedeutende Mengen Papier erhalten, den Ballen Median-Druckpapier à 10 Ries zu 15 Thlr. und das Ries Schreibpapier zu 3 Thlr. *). Widrige Familienverhältnisse zwangen Thurneysser Berlin zu verlassen und im Juli 1577 seinem erprobten Seßer Michael Hengke die Druckerei unter nicht schwer zu erfüllenden Bedingungen für 1100 Thlr. zu verkaufen. Er selbst ging zunächst nach Basel und kehrte 1581 vorübergehend nach Berlin zurük. Was aus ihm geworden ist, weiß man nicht. Es heißt, er sei nach längerm Aufenthalte in Italien im Jahre 1595 oder 1596 in einem Kloster zu Köln a. R. gestorben.

Michael Hengke starb indessen schon 1580. Seine Wittwe übertrug 1582 das Geschäft durch ihre Verheirathung mit Nikolaus Volz aus Erfurt auf diesen, der jedoch bald darauf seinem Schwiegerjohn, dem Rector des grauen Klosters, Wilhelm Hilden den Ge

*) Möhsen 1. c. S. 103 und 104, dem diese Einzelheiten entlehnt sind.

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