Page images
PDF
EPUB

sodann die Anwendung von Vertilgungsmitteln, welche mit Einem Actmaschinenmäßig ganze Massen von Feinden niederschleudern, wodurch der Mensch zu einem thatenlosen Object herabgesegt und entwürdigt, auch wohl das Blutvergießen unnöthig vergrößert wird; z. B. der Gebrauch von Rettenkugeln im Landkriege oder von glühenden Kugeln und Pechkränzen im Seegefechte, um feindliche Schiffe mit ihrem ganzen Inhalte auf Einmal zu vernichten'.

Unter den Mitteln der List erscheinen zunächst alle diejenigen rechtlich unzulässig, welche die vom Feinde dem Feinde felbst gegebene Treue verlegen”; Ehre und eigenes Interesse verbieten sodann den Meuchelmord am Feinde und Aufreizung dazu, ferner Aufforderungen der Unterthanen zum Abfall von ihrer rechtmäßigen Staatsgewalt. Dagegen kann Sparung von Menschenleben und ein schneller zu erreichendes Ziel des Arieges bei Anreizungen Einzelner zum Verrath durch Bestechung und ähnliche Vortheile das Unsittliche des Mittels einigermaßen entschuldigen.

Unversagt ist die Annahme und Benuşung aller freiwillig von der feindlichen Seite her dargebotenen Vortheile, wenn sie nicht wieder zu einer an sich unerlaubten oder verðammenswerthen Handlung hinführen, z. B. zum Meuchelmorde; so die Annahme von Deserteurs, felbst von Verräthern; allgemein zugestanden der Gebrauch von Kundschaftern". Jedem Theile stehet aber zu, gegen Listen und Verrath

de contributions etc.; pour engager l'ennemi à s'exposer en tachant de couvrir le pays; pour nuire à l'ennemi ou pour l'amener à la raison; en cas de révolte ou de rebellion des habitans du pays! v. Martens, Völkerr. § 274 (280).

1) Ueber die vorgetragenen Säße vgl. man Vattel III, 155—157. 166. 167. v. Martens § 268 f. Klüber § 244. 262. 263. Die Schriften bei v. Ompteda § 301 und Kampt $ 289. Gar keine Grenze des Rechtes erkannte Bynckershoeck an. Quaest. iur. publ. De reb. bell. cap. 1. Aber s. Ortolan II, 27. 5. Oke Manning p. 149. Wildman II, 24. Phillimore III, 70. Bedenkliche Punkte und Mittel der modernsten Kriegführung bespricht R. v. Mohl, See- und Völkerr. I, 765 ff.

2) S. sogar Macchiavelli, dei discorsi III, 40. Wer selbst die Treue verlegt, kann natürlich auf Bewahrung derselben keinen Anspruch machen. Vattel § 176.

3) Pufendorf VIII, 6, 18. Vattel § 180. Klüber § 243 Not. a. Bedenklicher ist Groot III, 1, 21. Schriften . noch bei v. Ompteda § 303 und v. Kampk $ 291.

4) Von diesen wird noch im dritten Buche a. E. besonders gehandelt werden. S. übrigens wegen des Obigen Vattel § 181. Klüber § 266. Phillimore III, 140.

kräftige Reaction zu gebrauchen"; geht die list zu offenem Kampfe über, so muß die Verstellung aufhören?.

Wendet etwa der Feind unerlaubte Mittel der Bekämpfung an, so darf er auch ohne Schonung behandelt werden. Er unterliegt dem Gefeße der Wiedervergeltung, wenn nur eine solche möglicher Weise den wahren Schuldigen treffen kann.

Behandlung feindlicher Bersonen.

126. In Hinsicht auf die Behandlung feindlicher Personen kannte das alte Kriegsrecht gar keine oder doch nur wenige Schranken. Es überließ sie der Widfür des Siegers, mit der Wahl zwischen Tödtung oder Knechtung. Das neuere Kriegsrecht christlicher Nationen ist auch hierin, seinem obigen Principe gemäß, humaner; e8 beschränkt sich auf das Unvermeidliche und unterscheidet die verschiedene Bestimmung, so wie das Verhalten der feindlichen Personen, in folgender Weise:

I. Nur gegen Bersonen des feindlichen Wehrstandes, welche zum Gebrauche der Waffen verpflichtet und berechtiget sind (1. g. Combattanten), es seien reguläre oder irreguläre Truppen, gilt das eigentliche Kriegsrecht auf Leben und Tod, werden alle von der Kriegsmanier erlaubte Mittel der Vernichtung angewendet'. Schonung einzelner Menschenleben muß nur in dem Falle Statt finden, wenn der Andere sich dadurch selbst in keine Gefahr bringt oder die Erreichung der Kriegszwecke dadurch nicht verhindert wird. Es wird daher auch unter folchen Umständen der Bardon dem Einzelnen nicht leicht verweigert, sofern nur der Feind selbst eine gleiche menschliche Schonung beobachtet und nicht durch ein entgegengesektes Verfahren zu Repressalien Anlaß giebt, um eine Gleichheit des Kampfes zu erhalten. - Nicht-Combattanten, welche zum Troß oder zur Aus

1) So bei den intelligences doubles (Vattel § 182); D. h. wenn man den Schein annimmt, seine Partei zu verrathen, um die Anderen in die Schlinge zu ziehen.

2) So muß beim Seegefechte jeder Theil die wahre Flagge, wenigstens beim Anfange des Kampfes, zeigen. Bouchaud, Théorie des traités de commerce p. 377. Ortolan 33. Wildman II, 25. 3) Vgl. Zachariä vom Staat XXVIII, 7, 2. (Bd. IV, 1. S. 99.)

[ocr errors]

rüstung der Truppen gehören, als Feldprediger, Wundärzte, Marketender, Quartiermeister, werden zwar vereinzelt am Leben geschont, theilen aber natürlich im Gemenge die Schicfale der Combattanten und verfallen in Kriegsgefangenschaft, wenn sie nicht ausdrücklich in allgemeinen Verträgen oder in Capitulationen ausgenommen sind?. Berwundete, welche selbst nicht mehr die Waffen gebrauchen oder zu gebrauchen im Stande sind, müssen nach den Grundfäßen der erlaubten Selbsthilfe, welche auch die Grundfäße des Krieges sind, mit weiteren Angriffen auf ihre Person verschont werden. Dem Loose der Kriegsgefangenschaft sind sie nicht entzogen; die Sorge für ihre Heilung ist zwar nur der Menschlichkeit und Großmuth des Siegers anheimgestellt, allein sie darf bei der hierin bestehenden Gegenseitigkeit sogar erwartet werden, nachdem der Sieger für seine eigenen Verwundeten und Kranken zu sorgen im Stande gewesen ist. Tödtung der feindlichen Verwundeten und Kranken kann im Augemeinen nie und in keiner Hinsicht gerechtfertigt werden, höchstens an denjenigen, von denen man die bestimmte Kenntniß hat, daß sie felbst sich auf folche Weise vergangen haben. - Parlamentirende Militärpersonen, wenn sie mit den herkömmlichen Zeichen sich nähern, müssen als unverlegbar gelten und auch zur Rückkehr Zeit und Sicherheit erhalten.

II. Bersonen, welche nicht zur feindlichen Heeresmacht gehören, mit Einsdluß der blog zur Erhaltung der inneren Sicherheit und Ordnung dienenden, obschon bewaffneten Personen, stehen unter dem Schuße des Kriegsrechtes und werden, so lange sie selbst keine Feindseligkeiten begehen, mit persönlicher Vergewaltigung verschont. Zur Schändung von Personen kann auch der Feind niemals ein Recht haben?. Natürlich sind demselben Sicherungsmaßregeln jeder Art zuständig, z. B. Abforderung oder Wegnahme von Waffen oder Geiseln. Befinden sich feindliche Unterthanen bei dem Ausbruche des Krieges in des anderen Theiles Gebiet, oder werden sie dorthin durch einen Zufall während des Krieges verschlagen, so muß ihnen Zeit zur Entfernung gelassen werden. Nur eine Sequestration kann

1) Klüber, Völkerr. § 247 meint, man sieht nicht mit welchem Grunde, die Nichtcombattanten würden wider ihren Willen der Kriegøgefangenschaft nicht unters worfen.

2) Vgl. Groot III, 4, 19.

[ocr errors][ocr errors]

durch die Umstände gerechtfertigt sein, theils um Zuträgereien, theils auch um Verstärkungen der feindlichen Macht zu verhindern'.

III. Eine vorzügliche Schonung erweiset die neuere Kriegsfitte dem feindlichen Souverän und den Gliedern seiner Familie, felbst wenn sie an den Kriegsoperationen unmittelbar Theil nehmen. Man richtet absichtlich kein Geschüß auf sie; der Kriegsgefangenschaft unterliegen fie indeß ebenfalls. Frauen und Kinder werden meistens in ihrer bisherigen Lage ungestört gelassen und sogar gegen Beunruhigung geschüßt; auch werden hergebrachte Höflichkeiten während des Krieges nicht völlig unterlassen. Natürlich aber sind auch hier Sicherungsmittel gegen Mißbrauch und Repressalien nicht ausgeschlossen.

IV. Ganz außer dem Schuße des Kriegsrechtes und der Kriegsmanier stehen: a. diejenigen, welche auf eigene Faust und ohne Erlaubniß des

Souveräne einen kleinen Krieg führen, wovon die autorisirten

Freicorp8 (8 124a) wohl zu unterscheiden sind; b. diejenigen Militärpersonen und Nichtcombattanten, welche sich

selbst nicht nach Kriegssitte betragen, z. B. Maraudeurs, ohne

zur Maraude von ihren Befehlshabern commandirt zu sein; c. die Ueberläufer, welche beim feindlichen Heere gefunden werden. Ade diese sind der Wiükür des anderen feindlichen Theiles bloßgestellt.

[merged small][ocr errors][ocr errors][ocr errors]

Kriegsgefangenschaft.

[ocr errors][ocr errors][ocr errors]

127. Dem loose der friegsgefangenschaft waren nach altem Völkerrechte alle feindlichen Personen unterworfen, die der Sieger in seine Gewalt bekam. Er konnte mit ihnen nach Belieben verfahren, wenn er sich nicht durch Vertrag zu einer bestimmten Schonung verpflichtet hatte und auch dieser schütte nicht immer; er konnte

[ocr errors]

1) Nicht immer hat sich die Staatenpraxis in der Wuth des Krieges daran gebunden gehalten. Shlimme Beispiele liefert Ward I, 356. 357. S. dagegen Ortolan II, 281. Sehr verständig war die Magna Charta für England, Art. 41; auch ist durch Verträge vielfach den Personen feindlicher Unterthanen auf bestimmte Zeit ein Schug gewährt. Utrechter Friede zwischen England und Frankreich, Art. 19; zwischen England und Spanien, Art. 6. Englisch - Russischer Vertrag von 1766, Art. 12. Vgl. oben § 122. Sehr mild war auch die Praxis der Westmächte und Rußlands im Jahre 1854.

1

[ocr errors]

sie töðten, mißhandeln, oder in Knechtschaft geben'. Nur bei einzelnen Völkerstämmen finden sich theilweis mildere Grundfäße, obgleich sie nicht immer befolgt wurden. So das Gesetz der Amphictyonen, die in die Tempel Geflüchteten nicht zu tödten?; oder der angeblich algemeine Brauch der Hellenen, solche, die sich freiwillig übergaben und um ihr Leben flehten, am Leben zu schonen, oder, was bei den Römern beobachtet zu sein scheint, das Leben der Belas gerten zu fchonen, wenn sie sich, noch vor dem Berennen der Mauern mit dem Belagerungsgeschüt, überlieferten“.

Im Mittelalter trat zwar die Kirche vermittelnð für gewisse Klassen durch Gottesfrieden ein", allein es blieb die wiüfürlichste, ja felbst grausame Behandlung der feindlichen Unterthanen und Kriegegefangenen in ungehinderter Uebungo; nur die Aussicht auf Lösegelo und ritterlicher Sinn führten zu Schonung, auch seßte die Kirche allmählich jede Sclaverei christlicher Kriegsgefangener unter christlichen Nationen außer Gebrauch.

128. Nach heutigem Ariegsrechte unterliegen der Kriegsgefangenschaft, wie schon angedeutet ward, nur der Souverän mit den waffentragenden und waffenfähigen Gliedern seiner Familie, sodann alle zur bewaffneten activen Macht gehörigen Personen. Ausnahmsweise hat man auch noch in einzelnen Fällen die in Feindesland befindlichen Unterthanen des anderen Staates als Kriegegefangene behandelt (8 125 II.).

Ihren Anfang nimmt nun die Kriegsgefangenschaft in dem
2) Details bei Groot III, 11, 7 f.
2) Saint-Croix gouv. fédérat. p. 51.
3) Thucydid. III, 52.
4) Caesar, bell. gall. II, 32. Cicero, de offic. I, 12.
5) Vgl. c. 2. X. de treuga.

6) Ward liefert davon an mehreren Stellen die gräßlichsten Beweise. S. auch Bütter, Beiträge S. 47 ff.

7) Im Abendlande verbot das dritte Lateranische Concil unter Alexander III. Christen zu Sclaven zu machen und zu verkaufen (1179). Auch bei den orientalischen Christen hatte man denselben Grundsatz angenommen, wie Nicephorus Greg. c. 1260 berichtet. Vgl. Pütter, Beitr. 69. 86.

8) Schriften bei v. Ompteda § 311 und v. Kamptz § 305. Dazu Groot III, c. 7. Moser, Vers. IX, 2, 250. 311 f. Bynckershoeck, Quaest. iur. publ.

3. Vattel III, § 139 f. Klüber § 249. Wheaton IV, 2, Oke Manning p. 155.

1

« PreviousContinue »