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sie aber die Güter zurück, die ihnen erst nachher entrissen wurden. In dieser Beziehung musste das Ergebniss des langen Krieges eine Ernüchterung und Belehrung des finsteren Kreises sein, aus dem der Kaiser seine Inspirationen zu holen pflegte.

Der Krieg, den der Einfluss dieser Umgebung. von Neuem angefacht, hatte ihre Wünsche nicht erfüllt, und den Bereich der Macht des Kaisers verengt, also moralische und physische Einbusse für sie selbst zur Folge gehabt.

2.) Fortsetzung der Entwicklung Europa's während der

zweiten Hälfte des 17. u. 18. Jahrh.

a) Im Westen. Veränderungen durch die Kriege Frankreichs auf Kosten Spaniens und des deutschen Reichs. Begründung des

europäischen Gleichgewichts. Durch den Erfolg, den die Bourbonen bisher gehabt, fuhr der Hunger nach Vergrösserung Frankreichs in sie. Die Politik gegen den Kaiser hatte einen günstigen Ausgang gehabt; aber was sie gegen das Haus Habsburg in Spanien bringen werde, war noch nicht abzusehen. Der Krieg gegen Spanien, der seit 1635 geführt wurde, verursacht durch die Unterstützung, welche es Oesterreich gegen die Schweden und Franzosen gewährte, war noch nicht zu Ende, während im Innern die Feudalaristokratie, zuerst 1648, angeführt von dem Coadjutor Gondi, darauf zum zweiten Male 1652, geführt vom Prinzen Condé, gegen das Ministerium Mazarin Sturm lief. Fast unmittelbar nacheinander wurde Condé niedergeworfen (durch Türenne), und der Krieg mit Spanien beendigt, durch den Pyrenäischen Erieden (Anfangs Nov.).

Der Gewinn, durch den hierbei Mazarin sich in seiner Stellung befestigte, ein Theil der Niederlande und die Grafschaft Roussillon, machte wegen der dadurch erzielten Schwächung der Macht des Hauses Habsburg diesen Friedensschluss zu einem Pendant des Münster'schen. Indem er aber der Anlass zu der Verbindung des damals 21 jährigen K. Ludwig mit der ältesten Tochter des spanischen Königs war, deren Zustandekommen auch als ein Erfolg der Politik Mazarins angesehen werden konnte, eröffnete er der eigenen Politik Ludwigs XIV. ihre Chancen. Nur ein Haken war dabei; Ludwig hatte Verzicht auf die Erbfolge in Spanien leisten müssen. Trotzdem schlangen sich in dem Pyrenäischen Frieden die Räthsel, die dem nachfolgenden Jahrhundert zu lösen geben sollten.

1659

Im Jahre 1665 starb Philipp IV; scinem Verzicht entgegen, erhob alsbald Ludwig Anspruch auf die brabantischen Für1666 stenthümer. | Um an dem geleisteten Verzicht vorbeizukommen,

wurde ein in einigen belgischen Provinzen bestehendes Recht angerufen, wonach die Töchter erster Ehe ein Erbrecht vor den Söhnen zweiter Ehe haben das Heimfalls- oder Devolutions-Recht).

Er drang aber damit nicht durch, da zwischen Holland, England und selbst dem alten Bundesgenossen Frankreichs, Schweden, eine Allianz gegen Ludwig geschlossen wurde. Türenne hatte schon einen grossen Theil von Flandern und Hennegau besetzt, und der Prinz von Condé musste gar die Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) besetzen. Die Aussicht, dass noch mehr Mächte der Allianz beitreten könnten, liess ihn von der ferneren Verfolgung seiner Ansprüche zurücktreten, zumal da ihm die eroberten Plätze in Flandern sollten verbleiben dürfen (Friede von Aachen), und ihn auf eine bessere Gelegenheit warten, um Spanien beizukommen.

Einstweilen trachtete er darnach, England und Schweden von der Allianz zu trennen, um Holland, mit dem, wenn es allein stände, er fertig zu werden sich getraute, zu isoliren, und dann über dasselbe, das durch Parteien zerrittet war, herzufallen. Vier Jahre brauchte es dazu; er trennte die erwähnten Mächte nicht

blos von dem Bunde, er zog sie, und ausser ihnen noch andere 1672 Nachbaren in sein Interesse. Darauf, als die Partie reif schien,

liess er die schon erwähnten Feldherrn aufs Neue vorgehen, und nach Brabant einrücken, während eine Flotte bestimmt war, in Gemeinschaft damit zu operiren. Die geschickte Selbstvertheidigung der Einwohner der Provinz Holland (durch Oeffnung der Schleusen), die Gunst der Elemente (ausserordentliche Ebbe und mehrtägige Stürme) machten das Unternehmen Ludwigs gegen die Niederlande zu nichte. Dazu setzte das Zustandekommen einer neuen Allianz zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg, sowie dem Kaiser und den Niederländern ihn der Gefahr aus, Elsass zu verlieren, auf dessen Wiedereroberung es Seitens der kaiserlichen Feldherrn Montecuculi und des brandenburgischen Kurfürsten jetzt abgesehen war. Ludwig machte ungewöhnliche Anstrengungen, um gegen seine neuen Feinde Stand zu halten, und mit Erfolg. Nicht blos schlug Türenne die Versuche der Allianz zurück, während Condé gegen Oranien zu operiren hatte, er selbst eroberte die Franche-Comté und zuletzt gelang es seiner Politik, dem Kurfürsten

einen Feind zu erwecken, und dadurch den Niederländern einen Verbündeten lahm zu legen. Schweden liess sich dahin bringen, einen Einfall in Brandenburg zu unternehmen.

Jetzt schien die Lage reif, um Unterhandlungen anzuknüpfen; die Kämpfe, die er jetzt noch führte, dienten dazu, dem Friedenswerke zu nützen. Er schloss zuerst mit den Niederlanden ab, dann mit Spanien (das mittlerweile dem Bunde gegen Frankreich beigetreten war), ferner mit dem Kaiser, alles zu Nymwegen. 1678

Den Gewinn, den ihm die drei letzten Abschlüsse brachten (vierzehn feste Plätze und die Franche-Comté von Spanien, Freiburg vom Kaiser), trachtete er nachmals eigenmächtig (durch die Reunionskammern zu Metz, Besançon und Breisach) auf Kosten der schon durch diese Abtretungen benachtheiligten Besitzer zu erweitern.

So hatte sich durch die Jahre bis zur Wegnahme Strassburgs (1681) die nämliche Politik gezogen, vermöge der Frankreich faktisch die erste unter den continentalen Mächten Europa's geworden war, wenn es zeitlich auch die zweite in der Reihe blieb! Sie setzte sich fort, als nach Verlauf von zehn Jahren, von Louvois berathen, Ludwig den Waffenstillstand brach, den er dem deut- 1688 schen Kaiser Leopold angeboten (1681) und erhalten hatte, und durch Einbruch in das deutsche Reich einen neuen Krieg heraufbeschwor.) Aber er hatte während er aufs Neue sich am Eigenthum des deutschen Reichs vergriff, nicht berechnet, dass in England eine wichtige Staatsveränderung vor sich gehen, dass seine lieben Vettern, die Stuarts, gestürtzt, und sein Feind, Wilhelm III. von Oranien, Statthalter der Niederlande, den letzten Stuart auf englischem Throne beerben werde (Dezember). Er bekam denn auch in der That einen Vorgeschmack von einem Kampfe, worin er Europa zum Feinde haben würde. Unglücklich zur See, da die Engländer und Holländer vereinigt seine Flotte schlugen (bei La-Hogue, Ende Mai 1692), aber siegreich durch seinen Feldherrn Luxembourg in den Niederlanden, selbst gegen Wilhelm III. (bei Neewinden, Ende Juli 1693), und glücklich gegen Savoyen, konnte Frankreich sich bei seiner Erschöpfung doch freuen, dass

1) aus Neid darüber, dass die kaiserlichen Feldherrn so gut mit dem Türken fertig wurden. Zum Vorwande dienten die Ansprüche auf das Allod des 1685 verstorbenen Kurfürsten Karl, Bruders der Prinzessin Charlotte Elisabeth und letzten Descendenten der Linie Pfalz-Simmern. Das Reich trat der Forderung nicht bei; daher sein Einbruch in die Pfalz, der den Ruin dieser Landschaften zur Folge hatte.

die Verbündeten ebenso, wie es selbst den Krieg beendigt wünsch1697 ten. Was es durch den Frieden, nach Auslieferung des Eroberten

wirklich gewann, stand in keinem Verhältniss zu der neuen Anstrengung, die Ludwig ihm wenige Jahre darauf zutraute, da er schon flir den Fall des Todes Karls II. von Spanien, seines Schwagers, seinen Enkel Philipp als Nachfolger bestimmt hatte, dem Verzichte entgegen, den seine Gemahlin bei der Heirath geleistet hatte. Da aber Kaiser Leopold I. als Gemahl der jüngern Schwester auch ein Schwager Karl's von Spanien war, so stand hier ein europäischer Krieg bevor. Wilhelm III. von England arrangirte an der Spitze der Seemächfe 'mit dem Kaiser ein Programm zu Gunsten des Hauses Habsburg in Spanien und den Colonien, auch Preussen trat bei, das erste Hinderniss, dem die Bourbonen auf dem Wege ihrer antihabsburgischen Politik seit bundert Jahren begegneten! Der Gemahl der ältesten Tochter Leopold's, Kurfürst Max von Baiern, dessen Sohn bereits zum spanischen Thronfolger ernannt, der aber noch vor dem Erblasser (d. h. 1699) gestorben war, zog, der Stipulation des Westfälischen Friedens vergessend 1), den Anschluss an Frankreich dem an die Verbindeten vor; ebenso der Kurfürsten Köln (daher ihre Absetzung u. s. w. nach der Niederlage der Franzosen bei Höchstädt (1704).

Der Krieg um die Erbfolge in Spanien?) begann in der 1701 Lombardei, weil hier die Franzosen zuerst schlagfertig auftraten.

Es war eine Vermessenheit seitens Frankreichs, diesen Krieg zu wollen, und den schon durch den vorigen Krieg erschütterten Ruhm vollends aufs Spiel zu setzen, von der noch tiefer greifenden Erschöpfung der Finanzen, die die Folge sein mussten, nicht zu reden. 3) Ungünstig war der Anfang in der Lombardei für die Franzosen, ungünstig der fernere Verlauf in Süddeutschland, wo seine Verbündeten (die Baiern) von Marlborough (und Ludwig von Baden) geschlagen wurden, und die Franzosen der überlegenen Strategie der vereinigt operirenden Führer Marlborough und Prinz Eugen bei Höchstädt erlagen, ohne Aussicht die Stellung Philipps (V.) in Spanien, der in Madrid bald nach Karl's II. Tode (1. Nov. 1700)

1) Die · Reichsstände hatten u. A. das Recht erlialten, Bündnisse mit Auswärtigen zu schliessen, vorbehaltlich der Rechte des Kaisers und des Reichs (d. h. nicht zum Nachtheil derselben). Vgl. Eichhorn St. und R.-Gesch. § 522 ff.

2) Schlosser, F. C., Gesch. des 18. Jahrhunderts und des 19, bis zum Sturze des französischen Kaiserreichs.

3) vgl, Clément, Pierre, Le gouvernement de Louis XIV. ou la cour, l'administration, les finances etc, (1818).

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war,

als Erbe eingetroffen war, aber im Lande gegen Leopolds zweiten Sohn, Karl, den Kürzeren zog. Marlborough, der nach dem Siege von Höchstädt den Franzosen die Strasse nach Holland vertrat, machte durch seinen Sieg bei Ramillies (1706) Brabant, Flandern und Hennegau frei und Karl zum Herrn dieser spanischen Provinzen; Eugen, der nach Piemont gezogen, siegte, vereinigt mit Preussen unter dem Dessauer bei Turin und liess Karl III. in Mailand huldigen. Er vereinigte sich dann wieder mit seinem noch in den Niederlanden stehenden, aber aufs Neue von einem französischen Heere bedrohten, Kampfgenossen Marlborough, und beide besiegten die Franzosen bei Oudenarde (1708) und nabmen Lille.

So waren alle Anstrengungen des grossen Ludwig vergebens gewesen; Europa hatte die Ueberzeugung gewonnen, dass es noch militärische Genie's ausserhalb Frankreichs gebe; es hoffte, dass die Cabinette mit dem französischen Raubwesen eine scharfe Abrechnung halten würden. Daher die Forderung, als Ludwig erbötig

auf Spanien und die Niederlande etc. zu verzichten, er sollte Truppen schicken, um seinen Enkel aus Spanien zu vertreiben! Da brach er die Verhandlungen (im Haag) ab, versuchte noch die Fortsetzung des Kampfes; aber Villars verlor gegen Marlborough und Eugen die Schlacht bei Malplaquet (1709, Sept.). Eine fürchterliche Lage für Ludwig, der sein voriges Anerbieten erneuerte, und durch die Bereitwilligkeit, Elsass nebst Strassburg herauszugeben, sowie sogar durch das Versprechen, die Vertreibung seines Enkels mit monatlichen Hülfsgeldern zu unterstützen, überbot! Unter diesen Umständen, wo Frankreich den erzärnten Siegern blos lag, hätte es ihm böse ergehen müssen.

Da starb Kaiser Josef I. | 1711 (17. April); die Folge war Waffenruhe. Dann kam in England das Ministerium zu Falle, und Marlborough verlor sein Commando; die Folge waren geheime Verhandlungen zwischen der neuen Tory-Regierung und Ludwig über einen Separatfrieden. Mit den definitiven Verhandlungen, die im Jan. des folgenden Jahres zu Utrecht eröffnet wurden, wollte es nur langsam vorwärts, während Karl (III.), als Nachfolger Josef's Karl VI. von Oesterreich, den Krieg für sein Recht fortsetzte, bis der Verlust von Landau und Breisach auch zwischen Frankreich und dem Kaiser (zu Rastadt), sowie zwischen jenem und dem deutschen Reiche (zu Baden im Argau) zu Friedensverhandlungen drängte.

Das Resultat davon ist, von einzelnen Feststellungen abges sehen, die die Detailgeschichte erläutern, im Allgemeinen darum

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