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Gesellschaft und Staat ging. Bereits hatte jedoch eine der Verfassung der katholischen Kirche feindliche Richtung, durch ein Werk aus der Feder des Justinus Febronius (1763, Nic. von Hontheim's, Weihbischofs von Trier) veranlasst, drohend ihr Haupt erhoben, und Einfluss auf die Beschränkung der Beziehungen zwischen der Kirche und den Regierungen zu erhalten gesucht. Unter Hinweis auf die Vorrechte der französischen (gallicanischen) Kirche sollte die Kirchengewalt in letzter Instanz der weltlichen Gewalt untergeordnet werden. Die geistlichen Kurfürsten wandten sich wiederholt (1769 und 1780) an Josef II., um Unabhängig. keit vom päpstlichen Stuhle in Betreff des Gerichtsstandes zu erlangen. Endlich kam in Ems (1786) ein Entwurf zu Stande; aber die Herrn fanden keinen Anschluss.

Das Haupthinderniss, welches dem Königthum in Frankreicb, wo seit 1774 Ludwig XVI. regierte, den Weg zur Erfüllung der erkannten Bedürfnisse sperrte, und welches gegen den Kaiser Josef II. den Wiederstand hervorrief, war der Adel, weil er sich mit dem Clerus in den Grundbesitz theilte, und sich hinter seinen Vorrechten, wie hinter den Wällen einer Burg, verschanzt hielt. Man musste verstehen, wie es seitens dieser Classe in der Gesellschaft möglich war, den Forderungen der Zeit nicht irgend welches Zugeständniss zu machen, und der Krone je in ihrem Lande die Hände zu binden. Jahrhunderte hatten sie, wie kleine Könige, in den Grenzen ihrer Besitzungen geherrscht. Patriotismus hatten sie nur gegen auswärtige Feinde gekannt. Dass auch ein Patriotismus in der Verzichtleistung auf Vorrechte liege, wenn sie von der

beiden), angefangen, innerlich zu kränkeln, wie frühzeitig ein Mitglied, P. Mariana († 1624, unter dem Generalat Muzio Vitelleschi’s) in seiner postuinen Schrift „Ueber die Irrthümer bei der Leitung der Gesellschaft J.“ bekannte. Was sie theologisch zu leisten verstanden, davon hatte die Klarstellung der augustinischen Lehre und der Lehre der Jesuiten durch Molina während eines zwanzigjährigen Streites (1588—1607) den Beleg ge. liefert. In der cartesianischen Denkrichtung (Dialektik), sowie der Jansenistischen Bürgermoral, und in dem weltlichen Rationalismus trat gegen ihren Einfluss eine nachhaltige Bewegung auf; endlich zog ihre Conspiration wegen Paraguay die Aufmerksamkeit Pombals auf sich. Sie bezweckten durch ihr Parteinehmen gegen die in Brasilien regierenden portugiesischen Statthalter eine Losreissung Paraguay's, wo sie seit hundert Jahren sich eine Art Regierung constituirt hatten, trotz Portugal, dessen Colonie Paraguay war. Dies gab Pombal die Waffe gegen sie in die Hand. An seinen Sieg über sie knüpfte unter dem Einflusse des Zeitgeistes das übrige Europa an. Trotz der schon von Molina denuncirten Schäden, die sich nach und nach noch gesteigert hatten, hätte die Gesellschaft unter anderen Zeitumständen noch fortexistiren können, wie denn Friedrich II. und Katharina sie fortbestehen liessen. Die Romanen hatten ihre eigene Consequenz, und die Letztgenannten ihre eigene.

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inneren Lage gefordert wird, davon wusste sie nicht. Mochte der Zeitgeist sich wie gegen die kirchliche Auctorität, so gegen ihre Vorrechte richten, das focht sie nicht an. Es war nicht wahrscheinlich, dass sie den Kampf bestehen würden, da die Solidarität der Mitglieder von der Literatur, die der Zeitgeist erzeugt hatte, gelockert war, besonders in Frankreich. Die Jugend unter dem Adel, durch die Grundsätze der Unabhängigkeit von den historischen Schranken einerseits, und durch die Grundsätze der Economisten auf neue Ziele der politischen Thätigkeit gewiesen, war der neuen Zeit zugewandt. Ihre persönliche Betheiligung an dem Unabhängigkeitskampfe der nordamerikanischen Colonien gegen England (1776-83), die Gelegenheit, welche ihr die amerikanische Politik Ludwigs XVI. gab, in der Schule der Freiheit sich auszubilden, raubte den Wällen wohinter der Adel geglaubt hatte, dauernd sich und das Königthum vertheidigen zu können, die zukünftigen Vertheidiger. 1)

In der Lage, in welcher sich das Königthum befand, hiess es, einen vergeblichen Schritt thun, wenn es seine Genehmigung dazu gab, wie es sie denn wirklich gab, dass eine veraltete Einrichtung erneuert, und eine Versammlung der Notabeln zusammen berufen wurde. Ja der König, der sich keine Rechenschaft gegeben, wie weit er mit seinen Mitteln langen würde, wenn er sich entschlösse, den Kampf mit dem Zeitgeist zu unternehmen, statt ihm auszuweichen, liess sich bewegen, das noch gewagtere zu wagen und allgemeine Stände (Etats généraux) einzuberufen. Er batte mit einem Ministerium aus den Reihen der Economisten (Türgot) debütirt – ohne Zweifel ein guter Anfang ! mit Necker versucht, womit er auf den Abweg gerieth, weil dieser ein Genfer, und nur Banquier, kein Herz für die politischen Aufgaben der Zeit in sein Amt mitbrachte (1776—81). Folgte auf den methodischen Finanzcontroleur die Missverwaltung des methodelosen, von Lille berufenen Intendanten Calonne, mit allen Folgen, welche Abenteuerlichkeit und Leichtfertigkeit nach sich ziehen (1783-87). Eine Versammlung der Notabeln sollte rathen helfen, wo diesem Minister der Rath ausging!

In dem Fahrwasser, worauf sich Ludwig XVI. hinaus begeben hatte, wünschte er sich noch, am Ruder zu bleiben. Die Dreizahl der möglichen Versuche war erschöpft. Er hätte es von Neuem

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dann es

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1) Wegen des Kampfes der Nordamerikaner vgl. ihre Erklärung im Anhang (II., 3).

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mit einem Economisten wagen müssen, da doch einmal jeder Schritt, der jetzt gethan werden musste, ein Wagniss war. Aber der Rücktritt Calonne's, durch die Notabeln nothwendig geworden, brachte de Brienne an seinen Posten. Ein Erzbischof von Bordeaux, der, weil er freimüthig den schönfärbenden Rechenschaftsbericht Calonne's entlarvt hatte, der geeignete Mann schien, wies mehr auf die Zeit zurück, wo man mit Cardinälen regiert hatte, passte aber nicht in diese Zeit mehr, wo der Monarchie der Boden unter den Füssen wankte, wo die Elemente, aus denen sie ihren. Bestand nur noch fristete, im Aufruhr waren.

Frankreich war berufen, eine Frage zu lösen, die der Zeitgeist allgemein stellte. Was anderwärts z. B. im Reiche Josefs II. noch nicht reif schien, war im Reiche Ludwigs XVI. überreif. Es stand mit der Monarchie, die in Frankreich das Beispiel für die übrigen Reiche Europa's geben sollte, unter Ludwig XVI., wie mit dem Papstthum vor dem Anbruch der dritten allgemeinen Entwicklungsphase. Wie damals es einen Zeitgeist gegeben hatte, der sich durch die Ideen, welche die Renaissance erzeugte, stärkte, damit aus der Versumpfung losgerungen, eine neue Zeit selbstständiger Nationen begänne, SO war unter Ludwig XVI. der Zeitgeist, in der Schule der Aufklärung über die geistigen und politischen Bedingungen eines Staatswesens mächtig geworden, bestrebt, eine Zeit heraufzuführen, wo die Staatsgemeinschaft selbstständig würde. Damals hatten die Könige als die ersten ihrer Nationen sich an die Spitze der Bewegung zur Zerbrechung der päpstlichen Universalherrschaft, jetzt die Talente sich an die Spitze der Bewegung zur Zerbrechung des sich auf den Adel stützenden Absolutismus gestellt. Aus den Folgen von damals, welche der Widerstand des Papstthums hatte, hätten die Einsichtigen auf die Folgen schliessen können, welche hereinbrechen würden, wenn Ludwig XVI. widerstehe. Dem Papstthum hatte damals die Geschichte eine Lehre in dem Verluste der deutschen und scandinavischen KirchenProvinzen auch für die kirchlichen Interessen hinterlassen. Was drohte sie über die Monarchie in Frankreich zu verhängen? den höchst eigenen Untergang! --- Den Bann zu brechen, waren vordem gegen das suzeräne Papstthum die Könige durch das Band der Solidarität nicht zu einem geheimen Einverständniss verbunden gewesen, wie es unter dem Einflusse der neuen Grundsätze die Talente Frankreichs gegen die absolute Form waren. Wenn daher in diesem Zusammenhang an die philanthropische Gesellschaft der

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Maurerei erinnert wird, so hat das geschichtlich diesen Sinn. Diese geheime Gesellschaft, welche nach der kirchlichen und politischen Zerrüttung des Reiches an Stelle des allgemeinen kirchlichen Bandes den Talenten ein Ersatzmittel von allgemeinem Interesse bot, leistete der Beseitigung der absoluten Form der Monarchie und dem Problem, den Angehörigen des Staates eine Betheiligung bei der Gesetzgebung und Regierung zu verschaffen, den wirksamsten Vorschub.

Der Hebel, der von hier aus angesetzt wurde, musste die Monarchie, da sie, vom Adel berathen, einen wesentlichen Verzicht auf ihre Vorrechte zu leisten, zögerte, in die Lage bringen, von den Forderungen der Nation überholt zu werden.

Als der Hof erkannt hatte, dass es mit dem Ministerium Brienne nicht ginge, wurde es noch einmal mit Necker versucht, der mit seinem aus seiner republicanischen Erziehung verständlichen Geschmack für Volksbefragung den Rath zur Berufung allgemeiner Stände Etats généraux

wie sie schon früher vorgekommen waren, gab. Aber weder war der Geist, dem diese freilich französische Einrichtung sich jetzt gegenüber sah, der nämliche, wie der Geist früher Jahrhunderte, noch der Zweck der gleiche wie damals. Die allgemeinen Stände sollten nicht wie damals einem Gebot der Routine gehorchen, sondern sie wurden als eine Art nationalen Concils berufen, um mit der Krone zu berathen, was gegenüber den Forderungen der Zeit zu thun sei? So waren sie analog dem Debüt Ludwigs! Türgot hatte der König dem Widerstande des Adels geopfert; er hatte es gedurft. Nachdem seit dem Rücktritte Türgots hauptsächlich mit dem Finanzressort experimentirt worden (1776 -89), unter Ausschluss der Aufmerksamkeit auf die Solidarität der inneren Interessen, war mit der Berufung der Stände bei dem allgemeinen Charakter der Regierungsmotive auf einmal wieder die Aussicht vorhanden, dass neben dem Finanzwesen auch die Verfassung selbst in Berathung genommen würde.

Wenigstens fassten die Wähler es so auf, als sie den Repräsentanten die Hefte (Cahiers) mit ihren Wünschen oder Forderungen auf den Weg nach Paris mitgaben. ") Die Gefahr, der das Königthum jetzt entgegen ging, bestand darin, dass es die Lei

1) Vg1, Grille, Tableau comparatif des mandats et pouvoirs donnés en 1789 (1825).

tung der Berathungen verlieren, und in dem Schritte, die Stände heimzuschicken, unterliegen konnte. Denn so eine Versammlung liess sich nicht entlassen, wie ein Minister!

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Vierte allgemeine Entwicklungsphase.

Erster Abschnitt.

Auflehnung der Franzosen gegen die absolutistische Form des Staatswesens. Ihr Ver

theidigungskampf gegen die absolutistischen Cabinette.

Vorbemerkung:

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Die Revolution des J. 1789, eine aus den inneren Verhältnissen Frankreichs begreifliche, und aus voraufgegangenen Ursachen erklärbare Erschütterung aller Verhältnisse daselbst, wäre örtlich verlaufen, wenn nicht die auswärtigen Cabinette, die die Verkleinerung Polens in bösen Geruch gebracht hatte, den Argwohn, dass die Wiederholung dieses Verfahrens beabsichtigt sei, durch ihr geheimes Planen geweckt, und den acuten Verlauf der Selbstablösung des Ancien régime durch die Bedrohung mit einem Einmarsch in Frankreich gestört hätten. Dadurch wurde die Revolution Propaganda, und Bonaparte, den sein Genie bestimmt hatte, die inneren Zustände Frankreichs neu zu ordnen, zuerst in militärischer Hinsicht, dann in politischer, endlich in socialer, der Zwang auferlegt, sich als Erben der Propaganda zu betrachten. Die Folge war, dass die Cabinette die Anmassung, die alte Ordnung in Frankreich wieder herzustellen, und sich dafür ev. eine Entschädigung geben zu lassen, verlernten, und mit den Franzosen den Argwohn eintauschten, ihrerseits dauernde Opfer der Politik Napoleons zu sein, den ein Verlust nach dem anderen bis zur Ueberzeugung steigerte, und der, zwanzig Jahre nach der Invasion, der Welt das Schauspiel eines Kampfes bot, worin die Cabinette und die Nationen vereinigt mit dem bis dahin unbesiegten Kriegsherrn um die Unabhängigkeit rangen.

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