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die grossen Staaten eingeschlagenen Richtung nicht unberührt blieben, besonders, seit in Frankreich, in Spanien u. s. w. die Erfolge der Restaurationspolitik unter dem Einfluss des Adels und der geistlichen Hierarchie eine der Entwickelung der Deutschen zu einer Nation gefährliche europäische Stimmung erzeugten.

Unter diesen Einflüssen versiegte das politische Leben in Deutschland im Ganzen.

Einen schwachen Schatten derselben liess die Zollpolitik erkennen, welche in dieser Zeit der Stille auf weit hinaus mit Veränderungen zu entschädigen versprach. Die erste Erscheinnng auf diesem Gebiete war die zwischen Baiern und Würtemberg geschlossene Uebereinkunft (1828), ein Beispiel, welches die Entstehung eines mitteldeutschen Handelsvereins anregte, obwohl auch dieser nicht den nationalen Bedürfnissen entsprach. Daher ihre Dauer nur kurz. Erst der Ansatz, den Preussen machte, indem es mit einigen süddeutschen Staaten (Baiern und Würtemberg) sich verständigte, und andere Staaten zum Beitritt einlud, bildete

sich zu einem Vereine aus, der, seitdem als geordnetes System ins 1934 Leben getreten, die Bezeichnung eines deutschen Vereines sich

bald erwarb. Auf diesem Wege hatte Preussen die schwierige Klippe einer Meinungsverschiedenheit mit Oesterreich in deutschnationaler Politik auszuweichen gewusst, und die Aufmerksamkeit, von dem Fehler, den es letzterem gegenüber damit begangen, dass es in einer Verordnung vom 12. Mai 1815 mit dem Versprechen einer allgemeinen Nationalvertretung debütirte, durch die Errichtung eines preussisch-deutschen Zollvereins abgelenkt. Politische Folgen hatte dieser nichts desto weniger, und die Vortheile davon, welche hauptsächlich darin bestanden, von den Feindseligkeiten zwischen den betheiligten Staaten zu entwöhnen, und das Bedürfniss der Einheit durch die Ueberzeugung von den materiellen Vortheilen derselben zu wecken und die Schule zu nehmen, kamen nicht zuletzt Preussen zu Gute.

Der Glaube an das Können Preussen's erwachte. Die Angst vor den Folgen, welche das Beispiel der Julirevolution, wie in Belgien, Polen, Italien, so in Deutschland haben könnte, wehrte treulich den Consequenzen, die Preussen fähig und ohne Zweifel Willens war, aus den Erfolgen mit seinem Zollverein zu ziehen, so lange Friedrich Wilhelm III. lebte. Wenn nach 1830 die Zustände im Namen des Bundestages wie von Neuem ihr schlimmes

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Aussehen annahmen, und auch Preussen dieses System befolgte, so machte es mit, um der Präsidialmacht willen.

III. Russland.

Ueber den Ansatz zu constitutioneller Bewegung, wie ihn die Militärverschwörung im Dezember 1825 ankündigte, ist schon eine Andeutung gegeben. Das russische Cabinet (Nesselrode) ging mit Metternich.

Zweiter Unterabschnitt.

Absetzung der Vollblut-Bourbonen; Epoche der Orléans und die

Garanten der heiligen Allianz.

I. Zeit der Juli-Regierung. 1) Der Herzog von Orléans, der das Anerbieten am 30. Juli angenommen, und zugleich ein Ministerium gebildet hatte, wurde auch von dem Könige, der auf die Nachricht, dass seine Truppen unterlegen, St. Cloud verlassen und sich nach Rambouillet begeben, als Regent bestätigt. Er sollte aber Heinrich von Chambord, zu dessen Gunsten K. Karl entsagte, als Heinrich V. ausrufen lassen. Der König hatte noch mehrere tausend Mann Garden zu seiner Verfügung, verzichtete aber auf deren Verwendung, da die provisorische Regierung Nationalgarden abgeschickt hatte, die die Wiederaufnahme des Kampfes verhindern sollten; er bat in einem Briefe an die Regierung nur noch um sicheres Geleit.

Was der Einfluss Lafayettes und Lafitte's wollte, kam auf ein von republicanischen Formen umgebenes Königthum hinaus. Aber der Entwurf der Charte, über die am 7. August in den Kammern votirt wurde, blieb hinter diesem (übrigens theoretischen) Ideal zurück. Doch wurde der Grundsatz der Volkssouveränetät ausgesprochen, die Censur abgeschafft, und die Initiative der

2) Vgl. Louis Blanc, Histoire des dix ans, 1830—40. (1841) und Regnault, Histoire de huit ans, 18.10—-48 (1849). Doergens, Aristoteles.

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Gesetzgebung auch den beiden Kammern verliehen u. S. W. Aut diese leistete der Herzog am 9. Aug. den Eid, und datirte von da ab als König Louis Philipp I. Das Julikönigthum war aus einem Pakt mit der Nationalvertretung hervorgegangen.

Man hätte nicht erwarten sollen, dass es diesen Urprung, der durch die Analogie des . Oraniers in England aus früherer Zeit gestüzt war, in Vergessenheit zu bringen, dass es eine Continuität zwischen der Restauration und der Juli-Epoche festzuhalten sich bemühte. 1) Aber schon wenige Monate nach der Epoche trat in der Deputirtenkammer Guizot unverblümt als Interpret der Quasilegitimität auf. Wenn auch Louis Philipp nach dem Ausscheiden von Guizot und Molé mit einem Ministerium der revolutionären Ueberlieferung einlenkte, so war dies nur Scheini. Vom ersten Jahre an schleppte durch seine ganze Regierung sich das Misstrauen zwischen den Julikämpfern und dem Könige fort. Das Königthum erreichte nichts, als dass es unausgesetzt genöthigt war, mit neuen Ministerien zu experimentiren, und, abgesehen von den Verschwörungen, die immer wieder aufs neue gegen die Person des Königs gerichtet wurden, seines Friedens nicht gesviss fast im Bivouac gegen die Insurrektion zu bleiben. Bei dem Mangel an einer sittlichen Grundlage, wie sie in dem durch eine charaktervolle Regierung erzeugten Vertrauen besteht, musste die Gesellschaft den Einflüssen socialistischer und communisti scher Ideen, welche eher der Auflössung zusteuern, als die Ordn ung stützen, mehr und mehr verfallen. Was aber besonders das System in Misscredit brachte, war der Schacher, der durch alle Kreise hindurch grassirte, den Wähler mit Deputirten, und Deputirte mit der Regierung trieben. Auch in der auswärtigen Politik konnte Louis Philipp es den Franzosen nicht zu Dank machen, be sonders seit 1840, als er den Wünschen des Ministeriums, Mittel zui ausgedehnten Rüstungen zu fordern, seine Mitwirkung versagte, indem diese Friedenspolitik als ein Mangel an nationalem Selbsı tgefühl ihm ausgelegt wurde. 2) Wegen seiner Stellung zu Spanien:, d. b. zu

1) Die Stuarts hatten, seitdem sie in Karl II. wieder restaurirt worůcn waren (1660), sich länger gehalten, als nachmals die Bourbonen; denn erst 1688 vertrieb sie die Revolution. Erst in diesem Jahre berief das iment den Oranier. Hier war der Pakt zwischen Parlament und Königthum ebenso deutlich gewesen. Vgl, Oeuvres de Nap. III. (1856) Tome I. p. 235 u. ff. (Fragments historiques 1088—1830, nebst Pièces à l'appui).

2) Das Ministerium Thiers, in der orientalischen Frage durch den Vertray', den die vier Grossmächte ohne Zuziehung des französischen Gesandten (Guizot) am 15. Juli

der Frage der Verheirathung Isabellens, die so lange er im Einverständniss mit England war, weder einen Coburg noch einen einen Orléans als Bewerber sollte genehmigen dürfen, gab er, als er sich auf die Seite Marie Christinen’s geschlagen, und die Hand der Schwester Isabellens für einen seiner Söhne erlangt hatte (1846), in Frankreich der öffentlichen Meinung eine ihm selbst nachtheilige Richtung. Die Unpopularität seiner spanischen Politik stieg, als er der Königin Christine in der von ihr befolgten inneren Politik Vorschub leistete. Man hatte in Frankreich der vergangenen Erinnerungen von Spanien her genug.

Louis Philipp's Regierung war taxirt nach Innen als ein System der Feilheit, nach Aussen als ein System der Feigheit, er selbst kein Gegenstand der Achtung bei den Besseren, und eine Zielscheibe des Hasses der revolutionären Parteien, denen zuletzt beschämende Enthüllungen die schneidigste Waffe in die Hand drückten. Die Beseitigung der Kammer, wegen ihrer Abhängigkeit, welche dadurch wie ein Aftersouverän, das politische Leben der Nation fälschte, war der einzige Weg, um das Königthum auf das Niveau der Verfassung zu bringen, und Wahlreform (La réforme!) das Losungswort (1847). Reformbankette kamen auf. Die königliche Thronrede vom 28. September bezeichnete die Bewegung als das Werk feindseliger oder blinder Leidenschaften, womit der Opposition Fehde angesagt war. Darum beschloss sie die Veranstaltung eines Banketts auf den 20. Februar, dann auf den 22. Die Regierung verbot es; die Opposition zog zurück, beschloss

die Minister in Anklagezustand zu versetzen. Die Bevölkerung, welche nur das Datum des 22. im Gedächtniss trug, bedeckte die Strassen von Paris, was den König aus seiner Ruhe brachte, und Guizot zum Rücktritt trieb (23. Febr.). Graf Molé nahm die Wahlreform in sein Programm auf. Abends Illumination. Ansammlung der Menge auf dem Quai d'Orsay vor dem Ministerium des Auswärtigen, das nicht illuminirt hatte, und mit Truppen besetzt war.

Das Militär sperrt; die Menge will die Strasse frei haben. Zusammenprall. Zufälliges Losgehen eines Gewehrs beim Fällen der Bajonette. Muthwillige Salve seitens des Pelotons. Verwundungen, Wuth, Alarmrufe (A la vengeance! Aux armes !), Barrikadenbau noch in der Nacht; Der König ohne Minister; die

aber,

1840 in London abgeschlossen hatten, überholt, machte der allgemeinen Aufregung die diese Lösung weckte, ein Zugeständiss mit dem Projekt cines Krieges um ic Rheingrenze.

militärische Ueberwältigung der Insurrektion, womit Marschall Bügeaud beauftragt war, am Morgen des 24. eingestellt. Abfall der Truppen. Rathlosigkeit in den Tuilerien. Abdankung des Königs. Die Aufstellung einer Regentschaft in der Kammer durch eingedrungene Massen verhindert. )

II.

In Deutschland hatte die Anregung, welche die Julirevolution gegeben, unmittelbare Wirkungen für die Nation im Ganzen keine, aber im Einzeln einige. Die Regierungen in Kurhessen, Braunschweig, Hannover mussten Verfassungen geben; Preussen und Oesterreich wurden wenigstens durch die Revolution in Polen erinnert, und auf ihrem Wege absolutistischer Massregeln aufgehalten.

Es wiederholte sich die Entwicklung, welche aus dem Jahre 1815 hervorgegangen war; wieder wurden ein Fest (auf dem Hambacher Schlosse, 1832) und ein Attentat (zu Frankfurt, 1833) als Anlässe vom Bundestage benutzt, um gemachte Zugeständnisse wieder zurückzunehmen. Als er, im J. 1837, zum Schutze der Hannover von Wilhelm IV. verliehenen Verfassung gegen den neuen König Ernst August angerufen war, erklärte er sich für incompetent. Die Zeit bis 1840 verlief ganz ungenützt für die Nation, sowohl hinsichtlich der Rechtszustände im Innern, als der Ausbildung einer Macht nach Aussen. Ein Deutschland existirte nur in den Augen Oesterreichs, aber als Schreckbild, weil seine geistige Bildung ihm überlegen war. Die Hoffnungen, die die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. gleich von vornherein weckte, erfüllten sich selbst für Preussen sehr zögernd, und ihre Erfüllung vollzog sich nur auf dem Boden der ständischen Entwicklung. Von der Praxis der vorigen Regierung kam man noch nicht los. Wenn immerhin die Berufung von Provinciallandtagen etwas Leben brachten, so fand leider ihr zur Seite der Standpunkt des christlichen Staates Eingang, der der bescheidensten Entwicklung sich in die Flügel hing. Doch war das, was die Regierung Preussens that, geeignet, ihr Ansehen zu mehren, die Gedanken der Nation, welche noch in der Irre tappten, auf sie zu richten, und von

2) Vgl. Garnier-Pagès, Histoire de la Révolution de 1848. Tome 1V. (Paris 1861).

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