Page images
PDF
EPUB

London die Internationale durch Statuten zu einem Bunde sich organisirt hatte (Herbst 1864)'), Anknüpfung von Beziehungen zu den dortigen Führern, damit Einflüsse von dort auf die französischen Arbeiter gemässigt würden, alles Anzeichen, dass die Zukunft des Staates mit dorther stammenden Einflüssen, Forderungen, und Bestrebungen werde zu rechnen haben.)

Während in Frankreich die Richtung auf diese Ziele hinausgekommen war, hatte der Socialismus sich auch in Deutschland Adepten erworben, deren Forderungen aber, Dank der Unentschlossenheit, nicht aus der unpraktischen Schwärmerei für das Reinmenschliche herauskamen, geschweige, dass sie den Standpunkt der Regierung bedingt hätte. Man hätte in Deutschland noch nicht, wie Frankreich, mit der absoluten Form in der Monarchie gebrochen, und es schien, dass diese politische Erlösung vorhergehen müsse, wenn nicht sociale Zwecke, die schon durch ihre Natur schwieriger sind, zu grösseren Abenteuern führen sollen, als sich bei vorheriger (politischer) Klärung über die Staatsform aus ihren Eigenschaften folgern lassen könnte. In Deutschland ging man überdies auf dem durch unmittelbare Nothstände gewiesenen Boden der Association zum Zweck gegenseitiger Unterstüzung gegenüber der Grossindustrie seinem Ziele entgegen, und ahmte, indem man den französischen Theorien, nachdem die Fpoche von 1848 ihre Resultate geliefert hatte, das Beispiel Englands vorzog, das Vorschussvereinswesen nach, das durch Schulze-Delitzsch im J. 1852 in Delitzsch seinen Anfang nabm. In die Umgegend und in weitere Kreise getragen, führte diese Vereinsbewegung zu einem allgemeinen Verbande der auf Selbsthülfe beruhenden Genossenschaften, der sich nach Provincial- und Landesverbänden gliederte (1858). Dadurch gelangten die Atome von Kapital- und Personaleredit, welche die Einzelnen zur Genossenschaft beitragen, zu einer Kraft, welche dem Kredit der grossen Kreditinstitute ebenbürtig wurde. Ob das deutsche Genossenschaftswesen, welches dem Kleinbetrieb den Markt gegen alle Einflüsse der Zeitströmung zu erhalten die Fähigkeit bot, sich in den Besitz des Grossbetriebs werde setzen können, dafür hatte es bis 1870 noch an einem

Beweise gefehlt.

Neben diesem geräuschlosen Fortschreiten der ökonomischen

1) Vgl. Martello, T., Storia della Internationale della sua origine al congresso dell' Aja. Pad. e. Nap. 1873.

3) Vgl. Blanc, L., l'Etat et la Commune (1866).

Emancipirung des Einzelhandwerks vom Grossbetrieb that sich aber auch eine socialdemokratische Bewegung zu Anfang der 60er Jahre auf, die unter dem Einflusse des Beispielsl, das England durch die von Owen ausgegangenen Trades-Unions seit mehr als einer Generation gegeben hatte, unter der Hülfe des Staates das Vereinscapital der Arbeiter productiv zu machen beabsichtigte, und hinter der die, französischen Verhältnissen abgelauschte, Betheiligung des Arbeiterstandes am politischen Regiment durch Ausübung des allgemeinen direkten Wahlrechts u. s. w. winkte.

Das war der Stand der Gegensätze, von denen die Genossenschaften wohlthätige Resultate der Welt schon vorlegen konnten, wohingegen der allgemeine deutsche Arbeiterverein, zu dessen Gründung der Agitator Lassalle durch seine Thätigkeit im J. 1863 den Anstoss gegeben hatte, bei fortdauernder Agitation durch Organisirung von Arbeitseinstellungen (Strikes) noch nicht zur Erfüllung seiner Aufgabe gekommen schien ..

Zuletzt (1870) vermass sich der Jesuitismus durch Vernichtung der altererbten Stellung des Episcopats das geschichtliche Gewissen der Kirche, und den ihm über den Kopf gewachsenen Staat zum letzten Kampf herauszufordern ......

Durch die Einigung Italiens und der Erneuerung des deutschen Reichs hat die Geschichte zuletzt Analoga zu den Schöpfungen aufgestellt, die die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts hatte entstehen sehen, nur in zeitlich umgekehrter Weise, ') indem dieses Mal zuerst das königliche Italien zum Abschluss seines Ringens nach nationaler Selbstständigkeit kam, und die Neubildung des deutschen Reiches nachfolgte.

Der Kampf des Staates und der Kirche gegen den Zeitgeist war veraltet; der Kampf dieser Staaten gegen den hierarchischen Geist trat an die Stelle.

Wie aber die Zukunft dieser neuen Aera durch diesen Kampf geforrot, und welches Aussehen sie durch den Socialismus erbalten werde, das ist die Frage, vor der die Geschichte erwartend stille steht. Jedenfalls wird sie einst bezeugen, dass über die Aera, die jetzt noch ausser der Berechnung liegt, die Ueberschrift zu stehen verdient:

Fünfte allgemeine Entwicklungsphase.

1) Vgl. S. 135 u. ff.

Dritte Abtheilung.

Methode des Inventars. Beerbung in der Geschichte. Charakter und Erzeugung der europäischen Geschichte. Das Nationalitätsprincip und die Zeitrichtung. Ergebnisse

und Vorbehalt.

Vorbemerkung.

Wer aus Betrachtungen über die Geschichte Europa's Resultate ziehen will, muss sich seine Aufgabe ganz specifisch stellen. *Dem Standpunkte der Belehrung würde es geziemen, mit einem Rückblick zu schliessen. Die Entwicklung der Staaten aus der kirchlichen Umkleidung, sowie die gesteigerte Verbesserungsbedürftigkeit ihrer Einrichtungen, damit sie der Gesellschaft, für die sie entstanden, nützten, zugleich die Schwierigkeit, diese Einrichtungen mit der ethnologisch erkannten Mitgift der Nationen in Einklang zu bringen, u. s. w. wären anregende Aufgaben. Aber sie würden wieder wesentlich Umschreibungen dessen sein, worüber die Uebersicht durch sich selbst belehrt. Oder sie würden zu einer Sammlung politischer Lehren, illustrirt an Beispielen, nach dem Vorbilde der Discorsi Macchiavelli's werden, was Alles nicht die gegenwärtige Aufgabe ist.

Die Uebersicht des Inventars repräsentirt eine Reihe von Entwicklungstadien. Aufgabe ist, ihre Causalität, ihre Continuität zu erforschen und die darin wirkenden Gesetze zu ermitteln. Dabei wird das Wesen einer Entwicklungsperiode aus der Tragkraft ihrer Hebel begreiflich und lehrbar zu machen sein.

Erster Abschnitt.

Erläuterung der Methode des Inventars.

Bei einem historischen Werke ist Regel, dass sich die Kritik gegen das Detail wendet; bei dem gegenwärtigen wird sie sich gegen die Eintheilung wenden. Der Verfasser wird also diese zu entschuldigen und zu begründen haben.

Erstens wird die Geschichte Europa's in vier allgemeine Entwicklungsphasen eingetheilt, entgegen der früheren Eintheilung in Alterthum, Mittelalter, Neuere Zeit, Neueste Zeit, Letzte Jahre 11. S. W. Diese erschwert die gründliche Erkenntniss der Geschichte auf ihren einzelnen Stufen, auch wenn man nicht, wie der Philo soph Hegel und die, welche ihm anhängen, durch ihre Parallele zwischen denselben und den Lebensstufen des Individuums thun, die Geschichte mit dem Leben des Menschen von der Geburt bis zum Grabe vergleicht.) Denn es ist zu bedenken, dass das Alterthum, das hellenisch-römische, wirklich die Stufe des Alters bedeutet als Zeit der Reife gegenüber der Geschichte der asiatischen, nur mühsam sich zur Cultúr durchringenden, Reiche, und dass also diese eine Succession beobachten lassen. Das würde zwar die Anwendung des Vergleichs zwischen der europäischen Entwicklung und den Lebensstufen des Individuums nicht verbieten. Aber war das, was die Hellenen, die Erfinder der Politik als Wissenschaft, ?) leisteten, politisch so unter der Leistung, dass wir darauf so tief hinabschauen, und sie, mit der Nachwelt verglichen, für Kinder passiren lassen dürften? Ferner bei ihren Rechtsinstituten die Römer ? Das Mitttelalter soll die Jugendzeit bedeuten. - Wo liegt die Continuität, wie bei dem Individuum zwischen Kindheit und Jugendzeit? Hier entlarvt sich die Parallele der Philosophen als Unterstellung. Das Mittelalter, geben wir diese Bezeichnung zu, stellt sich als etwas wesentlich Anderes dar, wenn nämlich das westeuropäische Mittelalter gemeint ist, in diesem Sinne ist davon aber zumeist die Rede. Sollte aber selbst die byzantinische Zeit gemeint sein, so könnte die Continuität nut äusserlich, eine Sache der Form sein

1) Dieses Bildes hatte sich schon ein Historiker zur Zeit der Antonine bedient, nämlich Florus.

2) Durch ihren grossen Landsmann Aristoteles in dessen Geiste sich alle Fähigkeit des hellenischen Geistes vereinigte.

und am Kleide mitgenommen erscheinen; denn der christliche Zug trennte das neue Rom Constantin's vom alten. Aber man findet, das Christenthum eingeschlossen, den Weg vom Alterthum zur Renaissance durch die byzantinische Zeit. Während das Saracenenthum u. s. w. dieser Zeit Kämpfe bereitet, arbeitet sich eine tausendjährige Periode (451–1453) mühsam zur nationalen Gliederung durch, eine Schule für die Nationen, die ihre angeborenen Instinkte auf dem Boden des römischen Reiches, unter dem Einflusse der daran haftenden Erinnerungen ablegen, und für die Aufnahme des neuen Erziehungstoffes Empfänglichkeit annehmen lernten.) Das Inventar hat nicht versäumt, diesen gleichzeitigen Gegensatz des byzantinischen Reichs im Osten Europa's und des fränkischen im Westen zu verwerthen.

Das fünfzehnte Jahrhundert stellte den Sturz des byzantinischen Thrones durch die Türken (1453) neben die Auflösung des altrömischen Reichs durch die hunnischen u. s. w., Barbaren (451); so war der Ansgang beider Reiche einander, der Ausgang des zeitlich letzten dem zeitlich ersten analog.

Nach diesen gegen die empirische und die hegel'sche Eintheilung gemachten Einwendungen dürfte es aber nicht wundern, dass die Hypothese von der Analogie der Entwicklung in der Geschichte bei richtigerer Anwendung dennoch Resultate sollte liefern können. Die Hypothese nämlich, auf die Zeit nach der Völkerwanderung angewendet, zeigt eine neue Phase der europäischen Geschichte, an der seitdem allenfalls ein für dieses Bild eingenommener Geist eine Kindheit (die ersten Jahrhunderte), dann ein Jugendalter (die Epoche der Erziehung durch die Kirche als gemeinsame Mutter), und endlich, als man gegen ein kirchliche Vormundschaft sich aufgelehnt, eine Epoche der Reife der Nationen bemerken könnte. Oben war die Frage wegen des voraufgegangenen Alterthums schon anticipirt und darauf hingewiesen worden, dass Hellenen und Römer bei ihrer Stellung als einander ergänzende Gruppen gemein

1) Dass die Franken weit mehr Zeit gebrauchten, um auch nur (internationale Beziehungen mit den Griechen zu knüpfen, als die Araber, lag zwar im Allgemeinen in der grösseren Entfernung der Franken. Aber es ist auch zu beachten, dass das Frankenreich inzwischen den Gährungsprocess der verschieden in Gallien abgelagerten Volksbestandtheile hatte überstehen müssen, während die Araber 1) eine reine Nationalität waren, und 2) aus dem religiösen Gährungsprocess, den Abu Bekr's Koran abschloss, eine ideale Kraft aufgesogen hatte.

Darum war der Kreuzzug Urban's II. die politische Antithese gegen die Propaganda des Islam.

« PreviousContinue »