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Karthago, sei es dass hier Ueberdruss oder Knauserei, oder gar beides die Gegenpartei im Grossen Rathe bewaffneten, oder ohne Hülfe seitens Verbündeter, wie er sie in Macedonien und in Syrakus suchte, musste auch ein Hannibal zur Unthätigkeit verurtheilt sein. Unthätigkeit aber war der Anfang des Rückganges. Dies war bis zuletzt der Schlüssel zur Erklärung des Ausganges dieses grossen Krieges. Hannibal musste zurückgerufen werden, weil Karthago daheim keinen Feldherrn von Fähigkeit hatte, um

den inzwischen herübergekommenen Römern die Spitze zu bie202 ten. Wie es aber kam, dass nicht noch einmal bei Zama die

Karthager, gleichwie bei Cannä, siegten, davon lag gewiss nicht die Schuld an der Strategie Hannibal's, sowenig wie die Ueberlegenheit der scipionischen oder auch nur die Ueberzahl der Römer betont werden dürfte, um den Sieg der Römer zu erklären.

Die Capitulation der Karthager mit Scipio beschränkte ihr Gebiet auf Afrika, und legte dadurch ihrem Aufblühen eine Zwangsjacke an, wie sie den Wünschen der römischen Politik entsprach, zu schweigen von den ungeheuern Opfern, zu denen sie sich verstehen mussten, um den Sieger los zu werden.

Freilich, wodurch sollten die Leiden Italiens-geheilt werden?

Gegen die Makedonier und die Syrer. Hätten nicht die römische Nation in Apollonia, sowie ein Geschwader und ein Krieg mit den Aetolern (211) den K. Philipp III. von Makedonien gehindert, so hätte mit seiner Unterstützung Hannibal seinem Kriege nach der Schlacht bei Cannä einen neuen Impuls und eine Wendung geben können, dass die Tage des Fortbestandes Rom's gezählt gewesen wären. Ein Nachbar, den Rom so im Schache hatte halten müssen, war sein Feind. Zwar hatten die Römer sich die Vermittelung der Epiroten gefallen lassen, deren Boden der Schauplatz des Krieges gegen die Aetoler gewesen, ungeachtet schon ein neues römisches Heer bei Dyrrhachium angekommen war, Frieden mit Philipp zu machen (205). Als aber nach der Schlacht bei Zama dieser in Rom das Verlangen stellte, man solle die gefangenen Makedonier ausliefern, da war die bisher fortbestandene Ekersucht gegen Philipp, der glücklich gegen

Attalus und die Rhodier kriegte, reif zum Bruche. Den Anlass 202 gab die Belagerung Athens. | Die Römer waren Ehrenbürger die

ser Stadt. Obgleich einer neuen Kriegserklärung abhold, liessen

sie sich den Standpunkt der Pflicht, den der Senat betonte, gefallen. Die Nachricht von dem Uebergang eines römischen Heeres rief Philipp aus Asien nach Europa. Die Römer liessen ihn sich mit den Aetolern, die in Thessalien einfielen, abhetzen, machten aber im Ganzen wenig Fortschritte, bis Flamininus den Oberbefehl erhielt. | Verschlagen in der Politik, suchte er die Griechen zu ge- 197 winnen, bis er den Kampf mit Philipp bestanden hätte. Seine Strategie bestand in der Wahl eines für die veraltete Phalanx ungünstigen Terrains. Nach dem Siege, der thatsächlich den Principat Makedoniens über die Griechen beseitigte, in den Augen dieser ihr Befreier, benutzte er, indem er fortfuhr, auf achäischem Boden Quartier zu nehmen, die nächsten Jahre, um den Chancen eines Krieges gegen die Syrer zu ermessen. Es war ein Bündniss im Anzuge, dessen Seele Hannibal, dessen Heerd Karthago und dessen Stützen Syrien, Makedonien und der Bund der Aetoler sein sollten. Durch die Verbannung Hannibal's, worein die Karthager willigen mussten (195), konnte man die Absicht vereitelt glauben. Allein es war nur ein Staat weniger dabei.

Die Syrer (Antiochus III) folgten der Einladung der Aetoler, nach Europa herüber zu kommen. Ihr Reich war fast wieder so mächtig, wie zur Zeit des Seleucus, seines Gründers. Hätte sich verwirklicht, was die Aetolischen Gesandten ihm von einer vereinigten Macht der Griechen und Makedonier vorgespiegelt hatten, so wäre Rom trotz seines Sieges vom J. 197 damals Halt geboten worden. Aber als Antiochus an der Spitze eines Heeres anlangte, war Makedonien schon von Rom gewonnen, und zeigten sich die Griechen lässig, durch den Glauben bethört, dass Rom ihre Freiheit schütze. Er zögerte wartend, ob man sich ihm anschlösse, wurde von den Römern bei den Thermopylen überrascht und geschlagen, und trat einen verhängnissvollen Rückzug an. Seine entscheidende Niederlage erfolgte, da die Römer nachzogen, auf asiatischem Boden bei Magnesia. |

Der Krieg, den die Römer von Neuem gegen Makedonien ein Vierteljahrhundert später unternahmen, war die Vollendung des Erfolgs, den sie vordem nur halb errungen hatten. Die Niederlage bei Pydna | war das Ende der Selbstständigkeit Makedo- 165 niens. Die Kriegserklärung gegen Perseus war auf die Denun: ciation seitens Eumenes’, dass Makedonien Rüstungen betriebe, erfolgt.

Wieder zwei Decennien später stand die adlige Partei gegen

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die Tetrarchen, die Rom über das Land gesetzt hatte auf, wurde aber niedergeworfen, und erhielt dafür zu Landesstatthaltern römische Quästoren.

Gegen die Achä er. Wir hatten vom zweiten Abschnitte Abschied bei der Erwähnung der achäischen Conföderation genommen, die in den ersten Decennien des dritten Jahrhunderts aus der Vereinigung einiger Städte bzw. Staaten in dem nordwestlichen Segment des Peloponnes entstanden war. Man bekommt einen Begriff von ihrer Lebensfähigkeit, wenn man bedenkt, dass sie über ein Jahrhundert sich aufrecht erhielt. Vermöge des Schutzes, den sie an Makedonien gehabt hatte, hatte sie den Römern Argwohn erwecken mögen. Darum hatte ihr Gebiet den Römern des Flamininus zwangsweise

Quartier geben müssen. In Philopömen war ihr letzter namhafter 183 Stratege als messenischer Gefangener gestorben. Sie selbst erlag

endlich den Römern, weil sie mehr rechtschaffen als klug sich gegen den Betrug erhob, wodurch diese sie aufzureiben trach

teten, und gegen sie, die den Tyrannen (Sparta) begünstigten, 146 im Kampf unterlag. Korinths Zerstörung war das Ergebniss von

Umständen, wie sie bei letzten Kämpfen in der Regel zu erfolgen pflegen, woran der Sieger nicht mehr Schuld trägt, als die Vertheidiger selber.

Letzter Trumpf gegen Karthago. Ganz ähnliche Bewandtniss wie mit dem Untergange Korinths hatte es mit dem Untergange Karthago's. Die Ursache ruhte bier in dem Hintergrunde, den uns die früheren Anlässe veranschaulicht hatten. Der Anlass, welcher Rom zum letzten Kriege gleichwie zur Vollstreckung eines Strafurtheils fortriss, war die Nothwehr gegen den verschmitzten Masinissa gewesen, der ihnen, wie sie aus Rom's Verhalten erkannt hatten, sollte ungestraft ein Territorium nach dem anderen entreissen dürfen. Ungeachtet sie dabei den Kürzeren gezogen hatten, was schon Schicksal genug für sie gewesen, sollten sie ganz entwaffnet werden. Dies vor Augen,

, erhoben sie sich aus ihrer loyalen Treue gegen den Wortlaut des Friedens von 201, dessen Frist übrigens schon einige Jahre abgelaufen war, zum Widerstand gegen die rücksichtslosen Forderungen

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Rom's (149), harrten Jahre lang erfolgreich aus, bis im Frühjahre des dritten Jahres auch ihr Ende kam.

Beider, Korinths und Karthago's Untergang verdient übrigens mehr aus der entschlossenen Selbstopferung der Unterliegenden begriffen und erklärt, denn als ein Akt absichtlicher Barbarei seitens der Sieger verdammt zu werden.

Gegen die Lusitaner. Nach dem grossen Kriege war das Land der Iberer von den Pyrenäen bis zu den Säulen des Hercules, d. h. die Stromgebiete des Iberus und des Bätis, und des Küstenstreifens zwischen beiden Mündungen als Provinz in Aussicht genommen worden. Ebenso sollten die Lusitaner, deren Gebiet sich zwischen den Strömen Durius und Anas weit nach dem Lande der Celtiberer hin erstreckte, ihre Selbstständigkeit verlieren, und Roms Willen über sich erkennen. Doch ob es den Römern auch militärisch gelang, nach zwanzigjährigem Widerstande, den in den ersten Jahren ein Hirte Viriathus behauptet hatte, bis er ermordet wurde, mit der 140 Bezwingung und Zerstörung Numantia’s | die Lusitaner zur Unter- 133 werfung zu bringen, so war diese noch viel weniger verbürgt, als die der Celtiberer. Ueberhaupt sollte Rom erst nach vielen Generationen die Romanisirung leidlich reifen sehen.

Was es übrigens mit diesen raschen Eroberungen, die nur die oberflächlichen Beobachter über die Unwahrscheinlichkeit wahrer Eroberungen täuschen konnten, auf sich hatte, das zeigte die Unsicherheit der römischen Herrschaft über die Insubrer, die zwanzig Jahre nach ihrer ersten Unterwerfung wieder abgefallen waren, und achtzehn Jahre Rom in Athem hielten, sowie die Ligurer, die sich als kriegerische Nationalität dadurch bewährten, dass es aufs Neue durch vierzig Jahre hindurch jährlicher Feldzüge für Rom bedurft hatte, bis sie endlich gebeugt wurden (154).

Gegen die Pergamener. In Kleinasien an der Grenze Mysien's galt das Reich von Pergamum, das den Römern im Kriege gegen Antiochus als Stützpunkt gedient hatte, weniger durch seine materielle Macht, denn als Sitz der Wissenschaft wichtig. Es war einst von Thracien, und dann von Syrien durch seinen Statthalter abgetrennt und ein eigenes Reich geworden. Die Romantik, welche die Nachwirkung des

Alexanderzuges gewesen, hatte diesen Namen zu verantworten. Von des Eumenes kluger Dienstfertigkeit gegen Rom während des syrischen Krieges, und ferner als Perseus gegen Rom rüstete, haben wir gehört. Seine Regierungszeit war die Glanzzeit Pergamums gewesen. Auf ihn war Attalus II. gefolgt, und zuletzt, bei gestörtem Geiste, Attalus III. Als dieser zu sterben kam, setzte

er die Römer zu Erben ein, d. h. er vermachte ihnen 'sein Privat133 vermögen. Kein Wunder, dass ein Neffe, Aristonicus, der dem

nach dem Blute seiner Verwandten dürstenden Attalus entgangen war, die Nachfolge im Reiche antreten wollte. Aber die Römer nabmen lieber gleich auch die Herrschaft über das Reich dazu, und schickten ein Heer gegen den Prätendenten.

II. ?)
Betrachtung der nationalen Entwicklung (Forts.).

Vorbemerkung. Die Kriege hatten ein Ende gefunden, und trotz des kriegerischen Instinkts, der in dem Temperamente der jeweiligen Regierungsmacht lag, war die Kraft aufgebraucht. Die Ermüdung kam über sie, und während die Reichen ihr Dasein genossen, wurde dies Staatswesen in den Kampf mit dem socialen Elend hereingezogen. Es brach ein Jahrhundert an, das, ähnlich wie die ersten beiden die Nobilität um ihre Privilegien brachten, be. stimmt war, die Civität um ihr Privilegium zu bringen. Es fehlte nicht an auswärtigen Kriegen, doch waren sie während der ersten Hälfte auf zwei beschränkt, deren Verlauf übrigens das yorhin Gesagte bestätigen sollte. Dagegen in der zweiten Hälfte zeigte sich Rom wieder auf der Höhe erst nach voraufgegangenen Niederlagen, zugleich aber im Kampf gegen sich selbst, wodurch die Umwandlung seiner inneren Zustände herbeigeführt wurde.

Erste Hälfte. Die Armuth, welche der politischen Gesinnung gefährlich ist, hatte Anfangs des zweiten Jahrhunderts angefangen, sich aus den Kleinwirthen auf dem Lande zu recrutiren, die theils zu Tage

1) vgl. ausser Mommsen, Peter, v. Reumont noch: Long, G. The Decline of the Roman Republic, London 1864 (Nitzsch, K. W., die Gracchen und ihre nächsten Vorgänger. 1847. Kiene, A., der römische Bundesgenossenkrieg: 1845), Drumann, W. Geschichte Roms seinem Uebergange von der republicanischen z. monarchischen Verfassung u. s. W. 6 Bde. 1834–44.

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