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Berlin 1890.
R. Gaertners Verlagsbuchhandlung

Hermann Henfelder.
SW. Svönebergerstraße 26.

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Cut 5-21-28 BF

Vorwort zur zweiten Auflage.

In dem Vorworte zur ersten Auflage war der Hoffnung Ausdruck

gegeben worden, durch das Quellenbuch zur Geschichte der Neuzeit den Geschichtsunterricht um ein Anschauungsmittel bereichert zu haben. Die Aufnahme, die das Buch gefunden hat, bestärkt mich in dem Glauben, daß diese Hoffnung keine eitle war. Dank allen, die mich durch Anerkennung des Unternehmens erfreuten und zu weiterer Arbeit ermutigten, sowie durch Ausstellungen, Berichtigungen und Vorichläge zur Vervollkommnung des Buches beigetragen haben!

Zu großem Danke bin ich wiederum Herrn Oberlehrer Dr. Rethwisch am Königlichen Wilhelms-Gymnasium in Berlin verpflichtet. Seine Ratschläge und Winke wurden mir dadurch besonders wertvoll, daß er die Quellenstüce in wesentlicher Übereinstimmung mit meinen Ansichten unterrichtlich verwertet und von der Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens durch den Versuch sich überzeugt hat.

Das Buch kann auf verschiedene Weise benugt werden und ist auch verschieden benußt worden. Man wird es wohl aber dem Verfasser nicht als Unbescheidenheit anrechnen, wenn er, soweit es an dieser Stelle überhaupt zulässig ist, in aller Kürze darzulegen versucht, wie er das Buch benußt sehen möchte, damit es (nach seiner Meinung) den Zweck, ein Anschauungsmittel zu sein, erfülle; damit es dazu beitrage, daß auch im Geschichtsunterrichte der allgemein anerkannte pädagogische Grundjak: „Vom Konkreten zum Abitrakten," d. i. von der Einzelbetrachtung, der Anschauung zum Begrifflichen – mehr und mehr zur Anwendung gelange.

Es gilt, Personen, Ereignisse und Zustände der Vergangenheit im Geijte zu schauen. Das wird ermöglicht durch eingehende Beschäftigung mit schriftlichen Überlieferungen, welche die Wissenschaft als Quellen

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bezeichnet. Es wird häufig angenommen, daß ein solches Schauten bereits durch den Vortrag des Lehrers erzeugt werde, sofern er sich nur möglichst auf Quellen stüße, klar und anschaulich sei und dem Klassenstandpunkte Rechnung trage. Ist jedoch mit der Aufstellung der Anforderungen, die an einen guten Vortrag zu stellen sind, für die Anschaulichkeit des Unterrichts selbst schon etwas gethan? Und wenn man überhaupt von dem Vortrag eine Wirkung erhoffte, die in seinem Wesen nicht begründet wäre? Dazu jeßt eine wirklich anjchauliche Darstellung eine gewisse dichterische Begabung voraus; solche Begabung aber kann nicht gefordert werden, während doch an jeden Lehrer, also auch an den Geschichtslehrer die Forderung gestellt werden darf und muß, daß sein Unterricht anschaulich sei, d. h. dem Lernenden das Schauen ermögliche. Ein jeder ist imstande, ihn so zu gestalten, wenn er demselben Quellenstücke zu Grunde legt, d. h. die Lernenden unmittelbar damit beschäftigt. Der Sache ist nicht schon damit gedient, daß dem Vortrage Quellencitate eingefügt werden. Wohl wird dadurch der Vortrag anziehender gestaltet, die Quellenstücke aber kommen bei diesem Verfahren meines Erachtens nicht zu ihrem Rechte. Das Citat rauscht mit dem Strome der Rede vorüber, es ergößt momentan, verflüchtigt sich aber gar bald im Gedächtnisse. Das Quellenstück muß betrachtet, studiert werden, wenn es dem Zwecke der Anschauung dienen joll. Auch der gewandteste Vortrag vermag nicht, den Gewinn dieser Beschäftigung zıı erseßen. Er kann zwar den Hörer in die Täuschung verseßen, als ob er an: schaue, kann also künstlerisch wirken: thatsächliche Anschauung aber entsteht nur durch selbsteigene Beobachtung. Nur aus den Ergebnissen von Einzelbetrachtungen erwachsen klare Begriffe, und das selbständige Urteilen (nicht das bloße Nachsagen der Urteile anderer) ist nur möglich auf Grund von Begriffen. Und weiter: ein reines edles Gefühl, eine überzeugungstreue starke Gesinnung sind ebenfalls nur die Produkte klarer, in eigener Anschauung wurzelnder Vorstellungen, Begriffe und Urteile. Das sind elementare Wahrheiten, doch möge es gestattet sein, sie der Erwägung mit besonderer Rücksicht auf den Geschichtsunterricht zu empfehlen. Durch lebendigen, fesselnden Vortrag, durch glän: zende Beredsamkeit reißt man mehr fort, als daß man überzeugt; die urteilslose Menge ist durch dieses Mittel jederzeit für irgend welche Zwecke gewonnen worden; der an eigenes Denken und Urteilen gewöhnte Mann aber prüfet und behält das Beste. Und zu solchen Männern wollen und sollen doch die höheren Schulen vor allen anderen ihre Zöglinge erziehen.

Das auf Grund von Quellenstücken einzuschlagende Unterrichts verfahren schließt zwar den Vortrag seitens des Lehrers nicht aus, aber es kann ihn nicht als die einzige und vornehmste Form der Darbietung betrachten.

Um etwaigen Mißverständnissen zu begegnen, sei ferner bemerkt, daß es sich in unserem Falle nicht um Quellenkritik handelt (diese Aufgabe fällt der Universität zu); daß es auch nicht darauf abgesehen ist, alles durch die Schule zu vermittelnde historische Wissen aus Quellen abzuleiten (das ist jachlich und unterrichtlich nicht durchführbar), sondern nur Charakteristisches, Wesentliches.

Die Verwendung der Quellenstücke für die Darbietung des Stoffes dürfte sich folgendermaßen gestalten lassen.

Die Schüler des höheren Kursus hören nicht zum erstenmal von neuerer Geschichte; mit Rücksicht darauf stellt 1. der Lehrer für die Darbietung des Neuen das Thema, welches die Aufgabe für eine oder mehrere Unterrichtsstunden in sich schließt. Sodann wird 2. das über den Gegenstand bereits Bekannte im Gedächtnis der Klasse aufgefrischt, und unmittelbar hieran knüpft sich 3. die Benußung der Cuellenstücke. Die Klasse erhält die Aufgabe, über den im Thema angekündigten Gegenstand auf Grund gewisser, vom Lehrer bezeichneter Quellenstücke zu berichten. Die Klasse macht sich außerhalb der Unterrichtsstunde mit dem Inhalt jener Stücke bekannt, und in der nächsten Stunde wird von einem Schüler Bericht darüber erstattet. Hieran idhließt sich eine Besprechung, die Fehlendes ergänzt, Falsches berichtigt, entgegenstehende Auffassungen ausgleicht 2c. 2c. Mit der Zujammenfassung des Resultats ist die Besprechung und vorläufig auch die Darbietung beendet.

Dem Lehrer fällt demnach zunächst eine doppelte Aufgabe zu: 1. die Aufgaben auf Grund gewisser, näher zu bezeichnender Quellenstüde zu stellen; 2. die Besprechung so zu leiten, daß bei möglichst geringem Zeitaufwande der Inhalt der betreffenden Stücke erschöpft wird. Von Zeit zu Zeit aber (nach wieviel Referaten, das hängt ganz von der Weite der gestellten Themen ab) wird der Lehrer 3. die gewonnenen Resultate in einem Vortrage zusammenfassen, der manches zu ergänzen, vielleicht von einem neuen Standpunkte aus zu beleuchten, gewisse Verbindungen herzustellen und Zusammenhänge nachzuweisen haben wird 2c.

Wenn es richtig ist, daß geeignete Quellenstücke als Anschauungsmittel dienen können, jo dürfen sie eben nicht neben dem Vortrage

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